Die wilden Streiks und Straßenblockaden der italienischen Frächter bildeten in den vergangenen Tagen den sichtbarsten Ausdruck der breiten Ablehnung, auf die Montis Liberalisierungsdekret gestoßen ist. Und wäre die Sache nicht so ernst, dann müsste gewitzelt werden über die Tatsache, dass sich gerade die Frächter an die Spitze des Protests gesetzt haben – jene Frächter, die vom Dekret gar nicht betroffen sind und die vielmehr gegen die hohen Benzinpreise und andere Rahmenbedingungen protestieren. Aber egal, derzeit scheint es, als würden die angestrebten Liberalisierungen (fast) niemandem gefallen. Jeder weiß Gründe, wieso der Abbau der Überreglementierung, wie er in anderen europäischen Ländern längst erfolgt ist, für Italien gefährlich ist. Und für Südtirol sowieso, daher analysierte die Landesregierung gestern und heute bei ihrer Klausur, was sich hierzulande dank Autonomie eventuell abwenden ließe.
Es ist paradox. Da gehen gleich mehrere Untersuchungen davon aus, dass umfangreiche Liberalisierungen in Italien ein jährliches BIP-Wachstum von bis zu 1,5 Prozentpunkten und somit eine Linderung der anhaltenden Wachstumsschwäche bedeuten könnten und dass Beschäftigung und Einkommen wachsen würden. Aber alle sind dagegen! Es ist, wie wenn ein Schwerkranker eine Medizin, die ihm wahrscheinlich hilft, verweigert, nur weil sie bitter schmeckt. Ganz Italien plappert nach, dass Opfer notwendig seien, aber diese Opfer sollen doch bitte die anderen bringen. Nur, alleine mit der Reduzierung der Politikkosten – derzeit ein äußerst beliebtes Argument – saniert man keinen Staatshaushalt, schon gar nicht den italienischen!
Und so führt jede von den Liberalisierungen „bedrohte“ Berufsgruppe ins Feld, dass man ja nicht nur im Eigeninteresse protestiere, sondern vor allem im Interesse der Bevölkerung, die letztendlich draufzahlen werde. Unqualifizierte Handwerker und Freiberufler würden aus dem Boden schießen, die Nahversorgung im Handel vor die Hunde gehen und und und. Die Konsumenten – und Konsumenten sind wir alle – werden nicht draufzahlen, so viel steht fest. Uns Konsumenten darf zugetraut werden, klug genug zu sein, um einem Mehr an Markt gewachsen zu sein. Anbieter, die gut sind, müssen sich daher vor Liberalisierungen nicht fürchten.