loader

Die Suche läuft...
Bitte haben Sie einen Moment Geduld, es werden Artikel durchsucht.
Dieser Artikel ist in der Ausgabe erschienen: Nr. 43/17  |  Freitag, 10. November 2017
Südtirol

Die Abstiegsanlagen

Trendsport – Die wachsende Beliebtheit des Berglaufens und -gehens sorgt dafür, dass einige Seilbahnen in Südtirol mehr Fahrgäste ins Tal als auf den Berg transportieren.

Bozen – Seilbahnen werden auch als Aufstiegsanlagen bezeichnet, weil sie das Erreichen der Höhen erleichtern. Doch der Trend zum Berglaufen und Speedhiking sorgt dafür, dass es inzwischen in Südtirol einige wenige Seilbahnen gibt, die mehr Fahrgäste talab- als -aufwärts verzeichnen.
Die Seilbahn Burgstall–Vöran beispielsweise verzeichnet laut Auskunft des Landesamts für Seilbahnen seit 2006 durchschnittlich 15 Prozent mehr Tal- als Bergfahrten. Thomas Egger, Bürgermeister von Vöran, führt diese Entwicklung auch darauf zurück, dass mit dem Sunnseitn-Steig, der über eine Strecke von gut 4,5 Kilometer und etwa 900 Höhenmeter von der Tal- zur Bergstation der Bahn führt, vor einigen Jahren ein alter Steig wieder instand gesetzt wurde, der nun von Bergläufern und -gehern gern genutzt wird. „Der Weg ist angenehm zu gehen und fast ganzjährig schneefrei“, so Egger, der schätzt, dass der allergrößte Teil derjenigen, die die Bahn ausschließlich als „Abstiegshilfe“ nutzen, aus dem Raum Etschtal/Meran stammen oder dort arbeiten. Denn: Während der Mittagspause oder auch nach Feierabend (die Bahn ist bis 19.40 Uhr in Betrieb) wird der Sunnseitn-Steig von zahlreichen Berufstätigen begangen. Er wisse, sagt Egger, von vielen, die sich die sportliche Auszeit mehrmals pro Woche gönnen.
Neben der Seilbahn Burgstall–Vöran, die erst kürzlich erneuert und Anfang Oktober offiziell eröffnet wurde, befördern auch andere Seilbahnen mehr Fahrgäste tal- als bergwärts. 2016 waren es dem Landesamt für Seilbahnen zufolge drei: die Bahn, die vom Naturnser Ortsteil Kompatsch nach Unterstell führt, jene, die Bozen und Kohlern verbindet, sowie die Seilbahn Bozen–Oberbozen.
Die Seilbahn Naturns–Unterstell bringt ganze 25 Prozent mehr Fahrgäste ins Tal als auf den Berg. Seilbahnbetreiber Konrad Götsch führt das ebenfalls zu einem großen Teil auf die Berg­läufer und -geher zurück, vor allem Einheimische. „Dass Leute zu Fuß hochgegangen und dann mit der Bahn wieder ins Tal gefahren sind, gab es schon immer, aber in den vergangenen Jahren sind es deutlich mehr geworden“, erzählt Götsch. Etwa 750 Höhenmeter werden mit dem alten Kirchsteig von bzw. nach Unterstell überwunden. „Trainierte brauchen etwa eine Stunde, zwei Stunden beträgt die Gehzeit bei normaler Kondition“, sagt Götsch.
Gut angenommen – besonders während der Wintermonate – würden von den Bergläufern bzw. -gehern auch die Abendfahrten, die rund ums Jahr an Mittwochen bis 21 Uhr angeboten werden.
Neben denjenigen, die die Bahn nach dem (mehr oder weniger) regelmäßigen Training nutzen, um den die Gelenke mehr belastenden Bergabgang zu vermeiden, sorgten auch „normale“ Wanderer für einige zusätzliche Talfahrten, so Götsch. Diese fahren mit der Texelbahn ab Partschins (es gibt auch eine Kombicard) in die Höhe, machen dann die drei- bis vierstündige Wanderung zur Bergstation nach Unterstell und fahren mit der dortigen Bahn abwärts. Für einige andere Touren gilt die Bergstation der Seilbahn Naturns–Unterstell ebenfalls als geeigneter Schlusspunkt.
Das wohl größte Einzugsgebiet an Bergläufern und -gehern haben die Seilbahnen mit Talstation in Bozen, wobei die bereits genannten Anlagen Bozen–Kohlern sowie Bozen–Oberbozen mehr Passagiere tal- als bergwärts transportieren. „Die Bergläufer und Hiker sieht man bei uns an der Seilbahn immer – egal, welche Jahreszeit, welches Wetter und welche Uhrzeit wir haben“, erzählt Klaus Kofler, Betriebsleiter der Rittner Bahn. Die Seilbahn ist rund ums Jahr werktags von 6.30 bis 23 Uhr in Betrieb, da geht sich nicht nur nach der Arbeit, sondern auch schon vorher ein Bergauf-Power-Walk oder -Lauf aus. „Ich weiß von zwei Führungskräften, die die circa 1.000 Höhenmeter von Bozen nach Oberbozen in jeder Mittagspause hochlaufen“, schmunzelt Kofler. Die beiden dürften die Wegstrecke in 35 bis 40 Minuten schaffen – laut Kofler die schnellste Zeit für den Aufstieg.
Durch den Aufschwung des Berglaufens und -gehens in den vergangenen Jahren haben sich nicht nur Seilbahnen von Auf- zu Abstiegsanlagen gewandelt, auch der Sportartikelhandel profitiert. „Wir verkaufen kontinuierlich Produkte wie Stirnlampen oder leichte Stöcke an Kunden, die uns erzählen, dass sie etwa die Strecke Bozen–Oberbozen regelmäßig bewältigen“, sagt Günther Plattner, Mitinhaber des Bozner Outdoor-Sportartikelhändlers MountainSpirit.
Doch warum erlebt das Berglaufen und -gehen einen derartigen Aufschwung? Egger, Götsch, Kofler und Plattner sind sich einig, dass es das Bedürfnis nach sportlichem Ausgleich und gesünderem Leben ist. Allen vieren fällt auf, dass die Palette derer, die „bergauf möglichst schnell aus eigener Kraft und bergab mit der Seilbahn“ wollen, sehr breit ist, von Berufstätigen bis zu Hausfrauen, von Leistungssportlern bis zu kaum Trainierten.
Die Bergläufer und Hiker, die die zentrumsnahen Seilbahnen zum Abstieg benutzen, sind bis dato hauptsächlich Einheimische. Wären nicht auch Urlauber eine mögliche Zielgruppe? „Dass man sich für den Sommer grundsätzlich Neues überlegt, ja, dass die Zielgruppe Bergläufer und -geher ein Punkt sein könnte, an dem man ansetzt, ja. Doch dass Berglauf ein flächendeckendes Phänomen wird, bei dem in breitem Ausmaß auch bei Touristen gepunktet werden kann – eher nein“, fasst Helmut Sartori, der Präsident des Verbandes der Seilbahnunternehmer Südtirols, zusammen.
Simone Treibenreif
lsimone@swz.it

*= Pflichtfelder
Senden Anfrage wird versendet...
Please add 5 and 8 and type the answer here:
zum Seitenanfang