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Dieser Artikel ist in der Ausgabe erschienen: Nr. 27/18  |  Freitag, 6. Juli 2018
Südtirol

Mutig und glücklich

SWZ-SERIE START-UP SÜDTIROL (4) – Lifestylerinnen genannte Influser sollen Elisabeth Tocca und ihr Start-up „CORA happywear“ zu internationalem Erfolg führen. Zugleich möchte die Boznerin mit ihrer Mode aus Bionaturmaterialien aber auch die Welt ein Stückchen besser machen.

Bozen – Auf der Internetseite des Bozner Start-ups CORA GmbH – Markenname „CORA happywear“ – verrät Elisabeth Tocca, Geschäftsführerin und Gründerin des Unternehmens, dass ihre bisher mutigste Tat die Gründung ihrer eigenen Firma war. Und so steckt der Mut bei CORA auch im Namen, handelt es sich dabei doch um eine Abkürzung von „coraggio“, dem italienischen Wort für Mut.
„2013 – damals habe ich noch beim Bergsportunternehmen Salewa gearbeitet – habe ich nachts am Business Plan für meine Geschäftsidee geschrieben, bis schließlich nur noch ein Name gefehlt hat“, erinnert sich Tocca. „Am Jahrestag des Todes meines Vaters hat der Priester in der Kirche dann über den ‚coraggio‘, den es braucht, um Dinge zu verändern, gesprochen. Da dachte ich mir, das würde auch zu meinem Schritt in die Selbstständigkeit und zu meinem Unternehmen passen.“ Schließlich wurde daraus die eingängige und international verständliche Abkürzung CORA, ergänzt mit happywear, frei aus dem Englischen übersetzt: Kleidung, die glücklich macht.
Glücklich machen soll die CORA-Kleidung dank biologischer Naturmaterialien wie Eukalyptus- oder Buchenholzfaser nicht nur die Träger (Babys, Kinder und Frauen), sondern auch sozial Benachteiligte. „Mit einem Teil des Gewinnes von jedem verkauften Teil finanzieren wir einem Kind aus einem weniger privilegierten Land die Schule“, sagt Tocca, Jahrgang 1974 und Mutter von zwei Kindern.
Neben innovativen Materialien setzt CORA auf einen besonderen, sehr stark auf das Digitale ausgerichteten Vertriebsweg. Im Mittelpunkt stehen dabei Influser, User bzw. Nutzer, die die Produkte in der analogen Welt weiterempfehlen, eine Ableitung von Influencern, die Konsumenten über digitale Kanäle beeinflussen. Im Falle von CORA sind die Influser Frauen, die von zu Hause aus arbeiten, die sogenannten Lifestylerinnen, von denen jede auch ein eigenes Micro-Onlineportal hat. „Es geht dabei nicht allein um den Verkauf, sondern auch um geteilte Werte: Mut, Leidenschaft, Gemeinschaft, Verantwortung und Respekt“, sagt Tocca und ergänzt: „Wobei die gemeinsamen Werte einen speziellen Stellenwert einnehmen, bei den rund 280 Lifestylerinnen, die derzeit in ganz Italien für uns tätig sind.“
Die Werte waren es, die dazu geführt haben, dass Tocca CORA gründete. „Die Geburt meiner Tochter war für mich ein ausschlaggebender Moment“, so Tocca. „Die Frage ‚Was kann ich tun, um für meine Kinder Spuren zu hinterlassen?‘ hat mich immer mehr beschäftigt; irgendwann habe ich auch meine berufliche Laufbahn infrage gestellt.“ Durch ihren Wechsel von der Lebensmittel- in die Bekleidungsbranche habe sie dann begonnen, sich intensiver mit dem Thema Bekleidung zu beschäftigen. „Der Bekleidungsmarkt bietet heute alles, zu jedem Preis, immer und überall. Ein Trend, der gesamte Volkswirtschaften verändert hat – der allerdings nicht ewig so weitergehen kann und wird, auch weil immer mehr Müll im Sektor anfällt“, ist Tocca überzeugt. Schließlich sei die Geschäftsidee an einem Weihnachtsabend beim „Weltverbesserungsphilosophieren“ mit ihrem Bruder Daniel entstanden, dem Gründer von Re-bello, einem jungen Südtiroler Unternehmen, das ebenfalls nachhaltige Mode produziert. „Es gibt immer mehr Menschen“, unterstreicht Elisabeth Tocca, „die auch bei den Kleidern genauer hinschauen. Wenn man gezielt diese stetig wachsende Gruppe anspricht, gibt es – dank Web – Möglichkeiten, erfolgreich zu sein, trotz der starken Fragmentierung im Bekleidungssektor.“
Gegründet hat Elisabeth Tocca, die an der Universität Innsbruck Amerikanistik/Anglistik, Romanistik und Marketing studiert hat und dann in verschiedenen Südtiroler Betrieben tätig war, CORA happywear im Jahr 2014 gemeinsam mit vier Südtiroler Business Angels, inzwischen ist auch ein großer Investor – ebenfalls Südtiroler – eingestiegen. Tocca selbst ist seit der Gründung in Vollzeit für ihr Unternehmen tätig. Neben ihr gibt es noch zwei weitere fixe Mitarbeiter, für Design, Grafik und E-Commerce sowie die Produktion wird auf externe Ressourcen zurückgegriffen.
Und wo möchte Elisabeth Tocca mit CORA happywear hin? „In drei Jahren sollen die Märkte Italien und DACH gefestigt sein“, so die Start-upperin, fügt aber an: „Unsere Vertriebsart braucht sehr viel Struktur und Organisation, deshalb kann Wachstum nur relativ langsam erfolgen.“ Auf den italienischen und die deutschsprachigen Märkte sollen Europa und schließlich auch andere Kontinente folgen. „CORA soll sich zu einem Marketplace für Familien entwickeln, die respektvoll einkaufen wollen“, sagt Tocca. „Und wenn es – vielleicht in zehn Jahren? – groß genug sein wird, könnte ich mich meinem Charity-Traumprojekt widmen: Schulen in weniger privilegierten Ländern aufzubauen.“
Bis dahin muss wohl noch das eine oder andere Hindernis aus dem Weg geräumt werden – doch Tocca lässt sich von Schwierigkeiten nicht aus der Bahn werfen. „Die Kurve der Erfolge und Misserfolge ist wie eine Achterbahn“, sagt die Boznerin. „Es gibt laufend Erfolge, die für das ‚Benzin‘ im Alltag sorgen – und Misserfolge, aus denen man lernt.“
Simone Treibenreif
simone@swz.it
Infobox
„Nach Niederlagen wieder aufstehen und neue Wege finden“
SWZ: Was macht für Sie ein Start-up aus?
Elisabeth Tocca: Eine innovative Geschäftsidee mit hohem „Scheiterpotenzial“, aber auch kurze Entscheidungswege und schnelles Reagieren, ohne die Vision aus den Augen zu verlieren – das ist der Kern eines Start-ups.
Was bedeutet es, Start-upper zu sein?
Ein Start-upper ist für mich eine Person mit einer klaren Vision zu einem „Herzensthema“. Die Liebe zu diesem Thema sorgt in den schwierigeren Zeiten des Start-up- bzw. Start-upper-Lebens für die nötige Energie, um nach Niederlagen wieder aufzustehen und neue Wege zum Ziel zu finden. Bei Start-ups geht es auch um den Faktor Zeit: Begrenzte finanzielle Ressourcen, wenig Vertrauen bei den Banken, geringe Einnahmen, die dann auch schnell wieder weg sind, sowie ein kleines Team bewegen zum Schnellsein – im Testen, Verändern, Lernen.
Wie jeder Unternehmer sind auch Start-upper von der Idee getrieben, ihre Firma zum Erfolg zu bringen. Das macht man nicht in einer 40-Stunden-Woche, sondern immer – rund um die Uhr und täglich!
Welches sind die größten Schwierigkeiten für ein Start-up?
Den Fokus auf die Vision nicht zu verlieren, das richtige Team zu finden und die wenigen finanziellen Ressourcen zielführend zu investieren.

Warum haben Sie sich nicht für einen „normalen“ Job entschieden?
Ich habe lange Zeit in renommierten Südtiroler Unternehmen und Organisationen gearbeitet. Der Wunsch, etwas Eigenes zu machen, war trotzdem immer tief in mir verankert. Mit 40 wurde dieser Wunsch konkreter. Klar sind die Opportunity Costs in meinem Alter höher, als wenn man sich als junger Student in ein Start-up-Abenteuer stürzt: Man hat Familie, man hat einen gewohnten Lebensstandard usw. Trotzdem kann ich nach vier Jahren Selbstständigkeit sagen, dass ich mit meiner Entscheidung das Beste für mich getan habe.

Warum haben Sie die Entscheidung für den Standort Südtirol getroffen?
Südtirol ist ein Schnittpunkt zwischen zwei Kulturen. Deshalb ist der Standort – neben der hohen Lebensqualität – ein idealer Ausgangsort, wenn man den italienischen Markt sowie all jene, die sich nördlich des Brenners befinden, ansprechen möchte. Außerdem habe ich mein Netzwerk hier – und das ist in den Anfangsjahren eines Start-ups existenziell. Die Alternative dazu sind sogenannte Accelerators und Start-up-Ökosysteme, die schon entwickelt sind, dafür kommen in Europa einige Großstädte infrage. Doch das ist – im Moment – nicht mein Thema.

Wie sehen Sie die Start-up-Community im Land?
Durch Institutionen wie die Uni, den NOI Techpark oder die Eurac sowie andere Maßnahmen wird die Community in Südtirol gefördert. Was noch fehlt, sind ein Investorenumfeld und flexiblere Budgets der Banken für Start-ups – dann kann sich etwas bewegen.
Grundsätzlich hängt Start-up-Kultur in meinen Augen auch vom geschichtlichen Hintergrund eines Landes ab. Wenn wir uns etwa die USA und Israel anschauen, dann sind die Länder durch Pioniere und Abenteurer geprägt. Dieser Ansatz ist in diesen Gesellschaften durch Erziehung, Familie und Kultur tief verankert. Das wiederum reflektiert sich darin, dass innovatives Schaffen, Risikobereitschaft und somit Start-ups gefördert werden. Europa dagegen wird als „alter Kontinent“ bezeichnet – und trägt damit das etwas „Langsame“ und leicht Veraltete schon im Namen. In diesem Sinne ist die Community der Start-ups, die Lust der Jugend, sich auf das Abenteuer Start-up einzulassen, noch sehr „schüchtern“. In der jüngeren Vergangenheit ist einiges passiert, aber damit die Entwicklung weitergehen kann, müssen sich Systeme und Denkmuster verändern. Scheitern zum Beispiel gehört in den USA und Israel zum Alltag und zum Lernprozess; bei uns dagegen ist es noch immer an „Schande“ gekoppelt, und dadurch kommt Angst ins Spiel, die lähmend ist für Unterfangen wie Start-ups.

Wie ist das Umfeld, sind die Voraussetzungen für ein Start-up-Unternehmen in Südtirol bzw. Italien? Gibt es Hilfe oder ist man auf sich alleine gestellt?
Es gibt Hilfe. Doch als Start-upper ist man oft mit der eigenen Idee sehr beschäftigt und hat wenig Zeit, in diesem Feld genau zu recherchieren. Hier kommt das Netzwerk ins Spiel: Orte wie der NOI, wo sich Start-ups ansiedeln können, sind diesbezüglich perfekt, da man unter Gleichgesinnten Informationen austauschen kann.

Stichworte Business Angels und Investoren: Wie schaut die diesbezügliche Situation in Südtirol aus?
Es gibt Unternehmer, die offen dafür sind, mit Start-ups in Kontakt zu treten und sie zu unterstützen. CORA ist anfänglich mit der Hilfe von vier „kleinen“ Business Angels gestartet und konnte später einen größeren Investor finden – sowohl Business Angels als auch Investor stammen aus Südtirol.

Die Serie
Vielen gilt eine rege Start-up- Community als Visitenkarte für die Innovationskraft und das Entwicklungspotenzial eines Standortes. Wie ist es am Standort Südtirol um diese Szene bestellt? Gibt es überhaupt eine solche? Was bedeutet es, Start-upper in Südtirol zu sein? In der Serie „Start-up Südtirol“ versucht die SWZ, diesen Fragen auf den Grund zu gehen, und stellt einige heimische Start-ups vor. Neben einem allgemeinen Teil zum jeweiligen Start-up beantworten alle Gründern einen Fragebogen mit denselben Fragen. Den Auftakt machte das Bozner Start-up ByWay (SWZ Nr. 24/18), das Klein- und Kleinstunternehmen ein Instrument für die Digitalisierung der Unternehmensprozesse bietet. Es folgte Angles90 (25/18): Das junge Unternehmen aus Meran hat gerade eben seine ergonomischen Trainingsgriffe auf den Markt gebracht. Im dritten Teil der Serie wurde FlashBeing (26/18) aus Bozen vorgestellt, das mit einem Personal Management Tool moderne Projektarbeit – sowohl berufliche als auch private – unterstützen möchte. Alle Artikel können auf SWZonline oder über die SWZapp nachgelesen werden.

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