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Dieser Artikel ist in der Ausgabe erschienen: Nr. 38/18  |  Freitag, 5. Oktober 2018
Gesellschaft

I bims voll fresh, Bro!

Von Jugend und Alter – Wann haben Sie eigentlich festgestellt, dass Ihre Jugend endgültig vorbei ist? Ach, überhaupt nicht? Dann geht es Ihnen wie mir. Ich bin forever young.

Als ich siebzehn war, wusste ich ganz genau, wer ein junger Mensch ist: die wie ich oder jünger. Und dann maximal noch die bis 25. Alles darüber war „erwachsen“, worunter ich mir etwas sehr Seriöses, Abgeklärtes und auch leicht Altbackenes vorstellte. Und über 30 ist dann sowieso der Ofen aus, ab da verschmelzen die Jahrgänge zu einem undefinierbaren Mittelalter-Klumpen aus traurigen, grauen Spießern, die ein freudloses Büroleben fristen, bis sie mit spätestens 50 zu den endgültig abgehängten Senioren und Greisen gezählt werden können.
Ja, so einfach war das damals, als ich siebzehn war. Und dann wurde ich selbst 25. Und „erwachsen“ fühlte ich mich noch lange nicht. Also hab ich die Zeit der Jugend großzügig noch ein bisschen ausgedehnt, zunächst mal bis dreißig. Als ich dreißig war, stellte ich fest: Ich bin eigentlich noch recht fresh. Und die Jugend wurde gleich nochmal um fünf Jahre verlängert. Mit 35 hab ich dann beschlossen, ich bleib jetzt die nächsten zehn Jahre mal auf dieser Stufe. Sozusagen forever young. Ich wette, wenn ich 45 werde, bin ich vielleicht bereit, zu akzeptieren, dass ich jetzt tatsächlich zu den Erwachsenen zähle, aber zu den Mittelalten – niemals!
Dafür bin ich einfach noch zu swag, zu fly und zu yolo. Ja, ich beherrsche diese Begriffe. Wenn das Jugendwort des Jahres rauskommt, dann flechte ich es immer souverän in meinen Wortschatz ein. Ich merkle nicht herum, Babo. Läuft bei mir.
Aber eines fällt mir doch auf: Auch die anderen in meinem Alter – oder älter! – halten sich für jung und dynamisch. Gerade in Wahlkampfzeiten kriegt man das anschaulich vorgeführt: Leute gut jenseits der 40, die sich einen jugendlichen Anstrich geben und mit krass coolen Wörtern um sich werfen. Kürzlich las ich bei einem Landtagskandidaten, der stramm auf die 60 zugeht, dass er einen seiner Mitstreiter als „Bro“ bezeichnete, also als „Brother“. Und da kam mir plötzlich ein furchtbarer Verdacht: Was, wenn dieser Versuch, sich mit seiner Sprache und Attitüde jung zu geben, in Wirklichkeit der beste Indikator dafür ist, dass jemand seine Jugend hinter sich gelassen hat?
Als ich siebzehn war, war es mir herzlich egal, ob ich swag, fly oder fresh war. Ganz im Gegenteil, ich hatte immer schon etwas Altmodisches an mir, etwas aus der Zeit Gefallenes. Die Mode und ihre Erscheinungen interessierten mich nicht. Ja, ich war jung, aber das war Zufall, keine Geisteshaltung.
Und auch meine Schüler, die zwischen 13 und 20 Jahre alt sind, machen sich keinen Kopf darüber, wie jung sie eigentlich noch sind und wie sie das allen anderen zeigen können. Sie sind es einfach, und sie leiden darunter, und sie genießen es, je nachdem, immer abwechselnd. Coole Jugendwörter verwenden sie übrigens kaum. Sie versuchen stattdessen, eine Sprache zu finden, mit der sie von den Erwachsenen verstanden werden. Denn das ist ihr großer Wunsch: endlich als erwachsen wahr- und für voll genommen zu werden. Und wenn ich so zurückdenke, war das auch bei mir so: Lange Zeit galt ich für alles als zu jung und zu unerfahren. Wie mich das geärgert hat! „Ich bin gar nicht so jung, wie alle denken!“, war mein Standardspruch. Gerade als junge Frau nämlich wird man gerne bis weit in seine Zwanziger hinein als „Mädchen“ bezeichnet und behandelt, und das ist leider nichts Positives.
Aber jetzt, wo ich endlich in einem Alter bin, in dem ich nicht mehr als „Mädchen“ abgetan werden kann, trauere ich einer Jugendlichkeit nach, die mich, als ich sie noch hatte, so oft gequält hat. Freilich, niemand freut sich, wenn die Schläfen langsam grau werden und die Figur schön langsam aus dem Leim geht. Und das muss man ja auch nicht auf sich sitzen lassen. Aber die „coolen“ Bilder, die man von sich in die sozialen Netzwerke stellt, wirken leider sehr schnell bemüht und – eben: altbacken. Darum lass ich das lieber bleiben. Denn sonst hält man mich am Ende noch für eine welkende Enddreißigerin, die mit dem Älterwerden nicht zurechtkommt. Und das wäre voll uncool, Bro.
Selma Mahlknecht

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