loader

Die Suche läuft...
Bitte haben Sie einen Moment Geduld, es werden Artikel durchsucht.
Dieser Artikel ist in der Ausgabe erschienen: Nr. 40/18  |  Freitag, 19. Oktober 2018
Südtirol

Katerstimmung

Nachtleben – Clubs und Diskotheken unterhalten nicht nur Einheimische, sondern bereichern auch das touristische Angebot. Doch die goldenen Jahre sind vorbei. Was ist geblieben von Südtirols Tanzlokalen?

Bozen – Diskotheken sind Zeugen durchfeierter Nächte und heimlicher Küsse, peinlicher Abstürze und unvergesslicher Abende. Zwischen 1985 und 1995 gab es in Südtirol mehr als hundert – die Hoteltavernen miteingerechnet. Doch die fetten Jahre sind vorbei. Viele Betreiber öffnen nur noch im Winter, zu groß ist die Konkurrenz durch Feste und Festivals im Sommer. Beim Hoteliers- und Gastwirteverband hgv sind derzeit 31 Diskothekenbetreiber in die Fachgruppe eingeschrieben. Außerhalb der Gruppe gebe es noch rund zehn weitere Betreiber. Was ist passiert?
Sand in Taufers im Herbst 2009. Ein zweistöckiges Gebäude, oben mit Holzverkleidung, davor ein großer Parkplatz. Unter dem Dachgiebel verrät der Schriftzug „Dancing“, dass das hier kein gewöhnliches Haus sein kann. Leute in Feierlaune zieht es dennoch keine mehr an. Im „Sportcenter“ gehen die Lichter endgültig aus. Bartl Thaler, Ehrenobmann der Diskothekenbetreiber im hgv, leitete das Sportcenter 20 Jahre lang. „Es lief nicht mehr so wie früher. Und bis heute werden die Diskotheken immer weniger. Nur einige gute werden überleben“, sagt Thaler.
Während Betreiber ihre Läden früher ohne Probleme an zwei oder drei Tagen rappelvoll bekommen hätten, sei es heute schon schwierig, das an einem Tag zu schaffen. „In den 80er- und 90er-Jahren hatten wir keine Woche, in der weniger als 5.000 Besucher in den Sportclub kamen. Es gab nur einen Ruhetag.“ Thaler erzählt gerne von den goldenen Zeiten. Anekdoten gäbe es unzählige. „Wetten, dass…“ war ein Dauerbrenner unter den Gästen. Jeden Sonntag wettete Thaler mit dem Publikum. Einmal ließ er sich einen ganzen Karton Eier ins Gesicht werfen. Ein anderes Mal musste er eine Kuh beim Bauer von nebenan holen und auf der Tanzfläche melken. „Die Leute standen ab 19 Uhr bei uns an, um dann um 21 Uhr hineingelassen zu werden.“
Auch in anderen Gebieten gab es solche Disco-Hochburgen. Die allermeisten Discos fand man aber in Gröden und im Gadertal, betont Thaler. Die Jugendlichen konnten vielfach direkt im Ort feiern und mussten keine langen Anreisen in Kauf nehmen. Ein Beispiel ist das Schlerngebiet. Dort gab es ursprünglich sechs Diskotheken. Eine nach der anderen musste schließen – bis keine mehr übrig war. Immerhin: 2014 eröffnete mit dem Santner’s ein neues Tanzlokal, das sich bis heute halten konnte. Betreiber Hermann Trocker setzt auf einzelne größere Veranstaltungen. „Es ist schwierig“, sagt Trocker, „weil an normalen Abenden mit DJ immer weniger Leute kommen. Viele treffen sich lieber daheim. Andere kommen erst sehr spät und schon stark angetrunken.“
Den einen Grund, wieso viele Diskotheken ums Überleben kämpfen, gibt es nicht. Mehrere Faktoren spielen eine Rolle.
Der demografische Wandel lässt die Hauptzielgruppe der 18- bis 25-Jährigen kleiner werden. Außerdem gibt es eine große Konkurrenz durch Feste, gerade im Sommer, Festivals und private Veranstaltungen. Wer Cocktails trinken will, geht heute lieber in einen Pub oder in eine Bar. Auch um neue Kontakte zu knüpfen, muss man heute nicht mehr in die Disco. „Früher kamen viele, um Gleichaltrige kennenzulernen und sich zu unterhalten. Jetzt reicht das Handy, um neue Bekanntschaften zu schließen“, stellt Thaler fest. Das Internet bietet zudem eine unbegrenzte Fülle an Musik für jeden Geschmack. „Es muss niemand mehr in die Disco, um gute Musik zu hören.“ Die Zeiten, in denen alle bei einem Hit die Tanzfläche stürmen, sind vorbei. Felix Taschler, Geschäftsführer des Club Max in Brixen und Ausschussmitglied der Fachgruppe der Diskothekenbetreiber im hgv, bekräftigt Thalers Aussagen. „Die Ausgehkultur hat sich verändert. Dank Smartphone und Social Media ist jeder immer auf dem neuesten Stand. Ich muss also nicht mehr irgendwo vorbeischauen, um zu sehen, ob etwas los ist“, sagt Taschler. Ein weiterer Faktor sei, dass immer mehr junge Menschen ins Ausland gehen, um zu studieren. Sie seien unterm Jahr kaum daheim. „Während der Feiertage und Ferien merken wir, dass mehr Bewegung drin ist“, stellt Taschler fest. Abgesehen davon habe das Studentendasein auch wirtschaftliche Folgen. Die Studenten müssten oft mit wenig Geld auskommen und würden dieses weniger zum Feiern und mehr für andere Dinge ausgeben.
Abgesehen von den Vorlieben und der Zusammensetzung des Publikums haben sich auch die gesetzlichen Auflagen verändert. Alkohol am Steuer wird hart geahndet – eine Maßnahme, die die Diskothekenbetreiber begrüßen. „Leider haben sich auch direkt vor meiner Diskothek größere Unfälle zugetragen. Solche Meldungen hört man heute zum Glück viel seltener“, zeigt sich Thaler erfreut. Seit einigen Jahren darf Alkohol zudem nicht mehr an Personen unter 18 Jahren ausgeschenkt werden. Das sei jedoch kein großer Einschnitt gewesen, sagt Felix Taschler. „Die ganz jungen Besucher zwischen 16 und 18 haben auch vorher nicht viel konsumiert oder ihre Flaschen irgendwo im Freien versteckt.“ Zu schaffen machen eher strenge Hygiene- und Sicherheitsvorschriften, meint Bartl Thaler. Seit 2012 muss das Sicherheitspersonal eine verpflichtende Ausbildung abschließen. Bei Missachtung drohen hohe Geldstrafen. Markus Regele, Obmann der Diskothekenbetreiber im hgv, sagt: „Die Kosten für die Security-Mitarbeiter sind explodiert. Vor 20 Jahren gab es kaum welche, heute hat jede größere Disco vier bis zehn.“ Dazu komme, dass die Preise bei den Getränken für den Konsumenten kaum gestiegen seien. „Und vom Eintritt müssen wir auch 38 Prozent abgeben. Wer da nicht gut arbeitet und gut kalkuliert, kommt bald in einen Strudel, und am Ende droht die Schließung.“
Die verbliebenen Diskotheken in Südtirol liegen meist etwas außerhalb, wodurch die Nachtruhe in den Zentren bewahrt werden soll. „Ich weiß nicht, wie es in anderen Städten ist, aber die Altstadt von Brixen ist tot“, sagt Felix Taschler. Vor zehn bis 15 Jahren habe es noch eine Reihe von Pubs gegeben, und die Stadt sei auch in den Abendstunden gut besucht gewesen. „Heute kommen viele von außerhalb oder feiern zuerst privat.“ Der Trend gehe dahin, die Wohngebiete ruhig zu halten. Eine weitere Erschwernis für die Diskothekenbetreiber. Die Katerstimmung bleibt.
Sabina Drescher
sabina@swz.it

*= Pflichtfelder
Senden Anfrage wird versendet...
Please add 8 and 7 and type the answer here:
zum Seitenanfang