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Dieser Artikel ist in der Ausgabe erschienen: Nr. 43/18  |  Freitag, 9. November 2018
Wissen

Du bist, was du isst

Ernährung – Superfood ist supergut. Oder doch nicht? Gefühlt jede Woche kommt die Ernährungswissenschaft mit neuen Theorien daher. Wer soll da noch durchblicken?

Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Wem die Welt diese weisen Worte zu verdanken hat, ist unbekannt. Augenscheinlich treffen sie aber nicht nur auf Statistiken, sondern auch auf ganze Studien zu. Besonders in der Ernährungswissenschaft scheint immer etwas Neues modern zu sein, je nach Saison und Nachfrage. Die Veröffentlichungen aus dem Bereich sind voller Zungenbrecher, die eigentlich so gar nicht gesund klingen: Falvonoide, Anthocyane oder Tocopherole.
In Studien wird dann auch gleich bewiesen, welch positive Auswirkungen dieses oder jenes auf die Gesundheit hat. Gerade sind Nüsse en vogue. Waren sie übrigens schon in den 1990ern, fast so wie die Plateau-Sneaker, die gerade gegen jede Logik ihr Comeback feiern. Damals veröffentlichte das renommierte New England Journal of Medicine eine Studie, die besagte, dass Nüsse gut für Herz, Kreislauf und Cholesterinwerte seien. Der große Haken: Um die positiven Effekte zu erzielen, müsste der gesamte Tagesbedarf an Fetten und Ölen durch Nüsse gedeckt werden. Schnitzel anbraten in Erdnussöl statt in Butterschmalz. Der größere Haken: Gesponsert wurde die Studie von der kalifornischen Walnussindustrie.
Zu den Schlagworten „Ernährung Studie“ spuckt Google über 22 Millionen Treffer aus. „Ernährung gesund“ bringt mehr als doppelt so viele. Butter oder Margarine? Low Carb oder High Fat? Oder doch besser mehr Kohlenhydrate und weniger Fett? Zu jeder Studie findet sich eine Gegenstudie, die genau das Gegenteil zu beweisen scheint. Ernährungsempfehlungen erinnern an die launische Diva aus der Werbung eines bekannten Schokoriegels. Schon vielfach haben sich Thesen der Ernährungslehre als falsch erwiesen: Wer täglich Eier isst, hat einen erhöhten Cholesterinspiegel. Wer fettarm isst, leidet seltener an Herzkrankheiten und Übergewicht. Wer gesund isst, kann Krebs vorbeugen.
„Die Ernährungsempfehlungen haben sich in den letzten Jahren geändert“, drückt es das deutsche Ärzteblatt diplomatisch aus. Genau nach diesen Empfehlungen richten sich viele Menschen und sind irgendwann verwirrt: Was soll ich essen – und wenn ja: wie viele? Südtirol wurde vor einiger Zeit von einer Low-Carb-Welle erfasst. Im Supermarkt gibt es eigens gekennzeichnete Produkte, im Internet Blogs und im Buchhandel ganze Rezeptsammlungen. Und in der Ernährungswissenschaft? Da gibt es natürlich eine Gegenstudie, und zwar von Lancet Public Health: „Eine kohlenhydratarme Ernährung kann das Sterberisiko ebenso erhöhen wie ein hoher Anteil von Kohlenhydraten in der Ernährung.“ Aha, also gibt’s doch Nudeln zum Abendessen. Manch einen bringt dieses Hin und Her direkt auf die Palme. So wie Werner Bartens, seines Zeichens Arzt, der in der Süddeutschen Zeitung fordert: „Schafft bitte die Ernährungswissenschaften ab.“
So einfach, wie es sich Herr Bartens wünscht, ist es dann aber leider doch nicht. Schlechte Forschung gibt es schließlich überall. Niemand will die Medizin abschaffen, weil es dort sinnlose Versuche oder missglückte Experimente braucht. Problematischer als irgendwelche Studien sind ohnehin schlechte Artikel darüber, in denen sich geschönte Folgerungen und verzerrte Interpretationen häufen. Oder selbsternannte Ernährungsberater. Oder Fitness-Coaches. Oder das Internet.
Band eins bringt es in der aktuellen Ausgabe auf den Punkt: „Tapfer bekannten 84 Prozent der Berufstätigen „Ja, ich ernähre mich gesund“ – vielleicht weil sie ahnten, dass aller Forschung zum Trotz keiner so genau weiß, was gesund ist.“
Sabina Drescher
sabina@swz.it

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