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Dieser Artikel ist in der Ausgabe erschienen: Nr. 35/19  |  Freitag, 6. September 2019
Südtirol

Alter Hof, neuer Weg

SWZ-Serie Jung & hungrig (9) – Seit 18 Generationen ist der Oberhaslerhof in Familienbesitz. Zur jüngsten gehört Martin Weger. Er setzt auf die kreative Vermarktung der hofeigenen Produkte und einen Mitarbeiter, der niemals krank wird: den Regiomaten.

Schenna/Bozen – Alte Stuben haben einen ganz besonderen Geruch. Er lädt zum Wohlfühlen ein. Genau so eine Stube findet sich im Oberhaslerhof in Schenna, der im Dorf zu den ältesten seiner Art zählt. Vor mehr als 700 Jahren, 1253, wurde er zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Seit 1592 ist er in Familienbesitz. Martin Weger bildet gemeinsam mit seinem Bruder Hansjörg die 18. Generation, die hier lebt und arbeitet. Für ihn ist Tradition allein deshalb keine leere Worthülse. „Unsere Welt“, sagt Weger und rückt seinen Stuhl dabei näher an den alten Stubentisch, „wird immer schnelllebiger. Wir haben Glück, dass wir uns in Südtirol auf eine lange Tradition besinnen können. Allein darin verhaften bleiben dürfen wir aber nicht.“
Diesem Gedanken Folge leistend war es für Weger schon „seit der Grundschule“ klar, dass entgegen der Tradition nicht er, sondern der jüngere Bruder den Hof übernehmen wird. Er selbst kümmert sich um die Vermarktung der hofeigenen Produkte und um ein neues Projekt, die „Garni Revival“. Sie soll im kommenden Jahr eröffnen mit einem von Weger erdachten Konzept, einem das aneckt und überrascht, wie er sagt. Auf diese Weise kann er vereinen, was ihm am meisten Freude bereitet: die Landwirtschaft, die Arbeit mit Gästen und das Marketing.
Wie ihm dieser Balanceakt gelingen sollte, war ihm noch bis zum Abschluss der Oberschule für Landwirtschaft in Auer nicht klar, erzählt Weger. Als er in Gastbetrieben aushalf, entdeckte er seine Leidenschaft fürs Bewirten und den Spaß am Umgang mit Gästen. Nach der Matura entschied er sich zunächst allerdings dafür, in einer Baumschule in Lana zu arbeiten. Zwei Jahre blieb er dort. Um einen neuen Blickwinkel kennenzulernen, ließ er Südtirol anschließend hinter sich und schnupperte am Bodensee in einen landwirtschaftlichen Betrieb hinein. „Ich habe den Boden gekehrt, Nudeln gemacht, Schnaps gebrannt und so in einem Jahr mehr gelernt als in allen Schuljahren zusammen“, schmunzelt Weger. 20 Hektar mit verschiedenstem Obstanbau nannte der deutsche Landwirt sein Eigen. Die Produkte wurden im hofeigenen Laden direkt an die Kunden gebracht. Das beeindruckte Weger. Zurück in Schenna, drängte er darauf, auch am Oberhaslerhof einen Hofladen zu eröffnen.
2016 wurde die Idee schließlich umgesetzt. „Gute Rohstoffe, null Kilometer und Regionalität, das sind die Argumente, die die Leute überzeugen“, sagt Weger. Seine Erfahrung: „Der Preis ist recht egal, solange er ehrlich ist.“ Mehr als drei Euro kostet die 7/10-Flasche Apfelsaft bei ihm. „Du spinnst ja“, hätten die Kollegen gesagt. Doch Weger ließ sich nicht beirren. „Für Qualität, betont er, „ist immer Platz.“ Neben dem „Epfl“, so steht es auf den Etiketten, füllt Weger auch „Houler“, „Pfeffer“ und Kräuterwasser ab, eine Mischung aus drei Kräutern, Wasser und Apfelsaft. Außerdem gibt es rund 50 weitere Produkte im Hofladen, inklusive Marmeladen, Chutneys und Saucen. Geliefert wird auch an kleine Einzelhändler – und an die Gastronomie.
„Da unten sortieren meine Mutter und Großeltern gerade Kräuter“, sagt Weger und deutet aus dem Stubenfenster. Abgepackt als Wildkräutersalat, kommen diese zweimal wöchentlich innerhalb von zwei Stunden vom Garten in die Küchen. Die Nachfrage sei groß, derzeit verarbeitet Familie Weger rund eine Badewanne voll Kräuter pro Woche. Hier am Hof hilft jeder jedem, ohne aber die Kompetenzen des anderen infrage zu stellen. Die Brüder Martin und Hansjörg, deren Eltern Priska und Klaus sowie die Großeltern Hansmichl und Heidi sind ein eingespieltes Team. „Jeder hat in seinem Bereich die totale Entscheidungsfreiheit. Wenn ich zum Beispiel meinem Bruder helfe, ist sein Wort Gesetz“, schmunzelt Weger. Besonders dankbar ist er für die Hilfe seiner Oma und seines Opas. „Ohne sie würde das alles nicht klappen“, betont Weger. „Sie sind sozusagen unsere Joker und springen überall ein, wo sie gebraucht werden.“
Nur ein Mitarbeiter ist noch fleißiger. Der nämlich arbeitet 24 Stunden pro Tag, sieben Tage pro Woche. „Krank ist er auch nie“, scherzt Weger. Er hört auf den Namen „Regiomat“. Die Idee, einen solchen Automaten, gefüllt mit hofeigenen Produkten, aufzustellen, kam Weger am Bodensee. Vor zwei Jahren gewann er dafür den zweiten Platz beim Innovationspreis für Landwirtschaft IM.PULS der Südtiroler Bauernjugend. In Deutschland verwenden Bauern solche Automaten schon seit Jahren. Doch hierzulande war Weger der Erste, der sich einen solchen zulegte. Da der Oberhaslerhof genau am Wanderweg zwischen Schenna und Meran liegt, bot es sich an, den Regiomaten gut sichtbar für die Spaziergänger zu platzieren. In ihm finden 320 Saftflaschen Platz. Zu Beginn waren diese aus Glas, doch die Nachfrage nach Plastik war größer. „Der Umwelt zuliebe steige ich wieder auf Glas um, sobald die verbliebenen drei Paletten aufgebraucht sind“, erklärt Weger. Obwohl die Idee zunächst auf Widerstand stieß, gibt ihm der Erfolg mittlerweile recht. Zum einen läuft der Verkauf gut, zum anderen fungiert der Regiomat als Werbebotschafter für den Hofladen.
Die meiste Energie steckt Weger derzeit aber in ein anderes Projekt, die erwähnte „Garni Revival“. Nach dem Vorbild der heimeligen Hotelgarnis, die in Südtirol einst so beliebt waren, möchte er seinen zukünftigen Gästen „ein zweites Zuhause bieten“. Wenige Zimmer, ausschließlich regionale Produkte, offene Aufenthaltsräume – „einfach alles andere als spießig“ soll die Unterkunft werden. Das Wettrüsten mancher Tourismustreibenden sieht Weger durchaus kritisch, für sich und seinen Betrieb wählt er deshalb bewusst eine andere Strategie. „Mit dem ‚Hosler Garni Revival‘ möchte ich ein Gegenstück zu den ‚klassischen‘ Südtiroler Wellnesshotels schaffen. Auf unserem Hof wird es Weniges, dafür sehr Gutes geben – garniert mit einem Schuss Kreativität und einer ordentlichen Portion Humor.“ Und was wünscht er sich für die Zukunft? „Dass morgen alles so funktioniert, wie wir es uns heute denken.“

Die Serie In der Serie „Jung und hungrig“ stellt die SWZ junge Menschen in und aus Südtirol mit den verschiedensten Lebensläufen vor. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Sie sind jung und hungrig nach Erfolg. Alle Artikel können auf SWZonline oder über die SWZapp nachgelesen werden.
Sabina Drescher
Infobox
Wir verkaufen keine Beilagscheiben
  
SWZ: Nachhaltig leben, essen und einkaufen gilt als Trend. Eine positive Entwicklung für die Südtiroler Landwirte?
Martin Weger: Im Grunde ja. Leider fehlt es noch viel zu vielen Menschen an einem Bewusstsein für Lebensmittel. Wenn der Max in den Supermarkt geht, um eine Kokosnuss zu kaufen, und es ist keine da, ist die Misere groß. Die Geiz-ist-geil-Mentalität beim Einkauf ist eine echte Katastrophe. Die Prioritäten haben sich verschoben. Während Menschen früher den Großteil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgaben, ist heute meist das Wohnen der größte Posten. Viele wissen nicht mehr, wo ihr Essen herkommt und wie es hergestellt wurde. Im Hofladen muss ich manche Kunden auch daran erinnern, dass unsere Produkte nicht immer zur Verfügung stehen. Wenn die Gläser mit Tomatensauce aus sind, gibt es erst nach der nächsten Ernte wieder welche. Ich versuche dem mit Humor zu begegnen. Ich sage dann, wir produzieren hier am Hof keine Beilagscheiben.
 
Wo müsste man Ihrer Meinung nach ansetzen, um daran etwas zu ändern?
Es braucht prinzipiell mehr Aufklärung über Lebensmittel im Speziellen, aber auch über die Landwirtschaft im Allgemeinen. Bauern werden heute oft zu Buhmännern gemacht. Die Leute sind mit ihrer Kritik aber nicht konsequent. In einem Moment wollen sie nur noch Bioprodukte, im nächsten kaufen sie das konventionell Produzierte. Sie verstehen oft nicht, dass sowohl die eine wie die andere Anbauweise in Südtirol allerhöchsten Standards entspricht. Solange sie beides nachfragen, wird auch beides produziert und angeboten. Je größer das Wissen der Konsumenten wird, umso besser wird der Ruf der Landwirte, davon bin ich überzeugt.
Zum Thema Qualität möchte ich ergänzen, dass wir genau damit in Zukunft noch mehr punkten müssen, insbesondere um gegen die globale Konkurrenz eine Chance zu haben.
Laut Volkszählung waren 1951 noch 43 Prozent der Südtiroler*innen in der Landwirtschaft tätig. Seitdem hat sich viel verändert. Was macht den Beruf für Junge noch interessant?
Es gibt unzählige Möglichkeiten, wenn man nur will. Man kann etwas Neues versuchen, wie die Jungs von Kirnig in Aldein (siehe Artikel „Auf den Pilz gekommen“, SWZ-Nr. 09/19, nachzulesen über die SWZapp oder auf SWZonline; Anm. d. Red.) oder so wie ich im Kleinen Veränderung vorantreiben. Besonders großen Respekt habe ich vor den Bergbauern, die den ländlichen Raum erhalten. Am wichtigsten ist in jedem Fall die eigene Motivation, der Dank und der Antrieb für alles Weitere die Wertschätzung der anderen. Wenn jemand herkommt und sagt: „Macht weiter so, solche wie dich bräuchte es mehr“, ist das unbezahlbar.

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