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Dieser Artikel ist in der Ausgabe erschienen: Nr. 49/18  |  Freitag, 21. Dezember 2018
Südtirol

Aus und vorbei!

JAHRESENDE – Was war 2018? Und was bleibt davon? Der vielleicht unvollständigste Jahresrückblick, den es je gegeben hat – die SWZ-Redaktion erinnert sich.

Christian Pfeifer:
Der Vogelschiss

Ja, eigentlich stimmt es. Sie waren tatsächlich nur ein Vogel- schiss der Geschichte. Nicht die Nazis, wie es AfD-Chef Alexander Gauland im Sommer in unverzeihlicher Manier behauptete, sondern die 365 Tage des Jahres 2018. Gerade wir Journalisten leben jeden Tag, als wäre er der wichtigste der Geschichte, weil ausgerechnet heute so viel Weltbewegendes, Aufregendes, Wahnsinniges, Erschreckendes, Trauriges, Skandalöses passiert. Wir stürzen uns alle darauf, um darüber zu berichten – und um es genauso schnell wieder zu vergessen, weil wir uns kollektiv auf das nächste Ereignis stürzen müssen.
Wenn man sich dann im Dezember hinsetzen will, um in 2.500 Zeichen auf das temporeiche Jahr zurückzublicken, dann merkt man, dass meistens gar nicht so wichtig war, was bei unserem täglichen Informations-Hopping das Ereignis des Jahres zu sein schien. Thomas Schäl und sein Rauswurf? Francesca Puglisi und ihr Lobbyismus-Auftrag? Ingomar Gatterer und seine Standpauken? Die doppelte Staatsbürgerschaft? Die Landtagswahl mit der SVP-Niederlage und dem Lega-Triumph? Die neuen Präsidenten bei swr, hds und lvh und der alte bei der Handelskammer? Der Senfter-Ausstieg aus dem Speckgeschäft, mit dem 2018 begonnen hatte? Nichts von alledem wird Geschichte schreiben.
Schon eher könnte in die Geschichte eingehen, dass Südtirol 2018 zu wenige Arbeitskräfte für zu viel Arbeit hatte. Oder dass die M5S-Lega-Regierung in Rom mit dem Feuer spielt, nachdem sich Italien zu Jahresbeginn noch über einen zarten Wirtschaftsaufschwung gefreut hatte. Oder dass das Migrationsproblem nicht gelöst, sondern nur verdrängt wurde.
Ein Jahresrückblick kann für uns alle – nicht nur für die Journalisten – die Gelegenheit sein, um uns bewusst zu machen, wie unbedeutend vieles von dem ist, dem wir Bedeutsamkeit beimessen. Ein Vogelschiss eben. Und umgekehrt können wir uns bewusst werden, wie bedeutsam doch ist, was wir weniger beachtet haben. Zum Beispiel vermeintliche Selbstverständlichkeiten wie Gesundheit (auch wenn es abgedroschen klingt) und Arbeit (weil die Wirtschaft blüht). Uns Südtirolern geht es überdurchschnittlich gut, wir wurden an einem privilegierten Fleck dieser Welt geboren, und wir merken es oft nicht mehr. Am Jahresende werden wir dann sentimental und nehmen uns vor, es im neuen Jahr besser zu machen, gelassener zu sein und dankbarer. Ab 1. Jänner sind die Vorsätze dann wieder vergessen, wir leben schneller denn je. Bis zum nächsten Jahresrückblick, bei dem wir feststellen: Das Jahr war ein Vogelschiss.

Sabina Drescher:
#bittekeinehashtagsmehr
Vielleicht bin ich zu viel in den sozialen Netzwerken unterwegs, vielleicht liegt es an den Twitter-Tiraden von Trump, Salvini und Co., vielleicht an der Landtagswahl: 2018 wird mir jedenfalls auch wegen einer regelrechten Flut an Hashtags in Erinnerung bleiben. Einige waren witzig, andere peinlich, manche rüttelten auf – so wie #MeToo. Die Geburtsstunde der Debatte liegt im Herbst 2017, doch 2018 kam sie richtig in Fahrt. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Raute nicht nur ein Thema markiert, sondern auch die Ordnung und Inhalte von Diskursen beeinflusst.
Das machen sich nicht nur Menschen zunutze, die hoffen, im Kollektiv Gehör zu finden, sondern auch immer mehr Politiker. Um Parade-Twitterer zu finden, muss man den Blick erst gar nicht über den großen Teich richten. Es reicht, nach Süden zu blicken, dorthin, wo das Kabinett Conte vor etwa 200 Tagen vereidigt wurde, und in dem mit Matteo Salvini ein Vizepremier und Innenminister sitzt, der sich auch gern mal in Badehose, auf dem Jetski oder in einer konfiszierten Mafia-Villa ablichten lässt. Neben Fotos und Videos verschickt der Rechtspopulist auch etliche Statements, einfache, polarisierende Botschaften: #chiudiamoiporti, #lamafiamifaschifo, #dalleparoleaifatti. Wirklich von den Worten zu den Taten übergegangen ist Salvini nicht, seine Fans liegen ihm trotzdem zu Füßen. Mit drei Millionen Followern ist er der populärste Politiker Europas auf Facebook. Auf Twitter zählte der Hashtag #salvini zu den zehn beliebtesten. Eine erfolgreiche Social-Media-Strategie war einer der Gründe, warum Lega und M5S Italien eroberten und bis heute regieren.
Das hat sich bis nach Südtirol herumgesprochen. Vor der Landtagswahl wurden die heimischen Politiker kreativ, wenn es um den passenden Hashtag ging: #WerArnoWillMussArnoKompatscherSchreiben, #duphilipp, #teamjasmin.
Vielleicht ließen sie sich aber auch von der deutschen Fußballnationalmannschaft inspirieren, die sich im Mai in Eppan auf die WM vorbereitete? Die dazugehörige Fankampagne wurde mit #zsmmn betitelt. Die Fans nahmen es mit Humor („Ist das noch Social Media oder schon ein Schlaganfall?“). Das Trainingslager verlief gut, die WM aus deutscher Sicht sehr viel weniger. Die Elf ging gleich sang- und klanglos unter wie die Vokale im Kampagnen-Hashtag.
Bevor ich mich im nächsten Jahr wieder ärgere, sollte ich mich vielleicht weniger in den Social Media tummeln, weniger Tweets von Trump, Salvini und Co. lesen und Wahlwerbung ignorieren – Vorsätze gäbe es genug, aber #daswirdjaehnix.
Simone Treibenreif:
Das Jahr in Wettern

Wie jedes Jahr hat auch 2018 im Rückblick vieles zu bieten: Schönes, Mittelprächtiges, aber auch Schreckliches – in der Welt ging es drunter und drüber. Genauso wie in Südtirol. Ein Thema, das dabei immer für ein Gespräch gut ist: das Wetter und die Wetterextreme, die die Welt inzwischen immer häufiger heimsuchen.
Auch Südtirol hat diesbezüglich in den vergangenen zwölf Monaten einiges erlebt: Im Jänner begann es mit übermäßig starken Schneefällen und brenzligen Situation quer durchs Land, es folgte eine Kältewelle. Zum Ende des meteorologischen Winters reüssierte der Landeswetterdienst: Der Winter 2017/18 sei von überdurchschnittlich vielen Niederschlägen gekennzeichnet, die Temperaturen seien indes im Vergleich zum langjährigen Durchschnitt der Jahre 1981 bis 2010 ausgeglichen gewesen. Der März war dann der kühlste seit 2013 und relativ nass, in Sterzing etwa fielen 70 Prozent mehr Niederschläge als üblich. Im April ging es mit ungewöhnlich warmen Temperaturen für die Jahreszeit (drei bis dreieinhalb Grad über dem langjährigen Durchschnitt) weiter. Der Mai war ebenfalls wärmer als gewöhnlich, allerdings wurden weniger Sonnenstunden als üblich registriert, ebenso wie starke Gewitter.
Der Sommer war nicht weniger extrem: Der Juli war gekennzeichnet von einer Hitzewelle – was jedoch in keinen Rekord mündete, sondern „nur“ in ein überdurchschnittliches Temperaturmittel – so wie der gesamte Sommer. Südtirolweit lagen die Temperaturen um 1 bis 1,5 Grad über dem langjährigen Durchschnitt. Was die Niederschläge anging, waren die Monate Juni und Juli relativ trocken; der August lieferte größere Regenmengen. Die sommerliche Niederschlagsbilanz lag daher mit einem Minus von rund zehn Prozent nur leicht unter dem Schnitt.
Im September folgte ein Hoch dem nächsten, sodass die Temperaturen um etwa zwei Grad über dem langjährigen Mittelwert lagen, die Niederschlagsmenge lag um 20 bis 40 Prozent darunter. Das änderte sich dann auch im Oktober vier Wochen lang nicht – bis zu dem sogenannten „außergewöhnlichen Unwetterereignis“, bei dem innerhalb weniger Tage landesweit durchschnittlich 200 Liter Niederschlag pro Quadratmeter fiel, in Sexten waren es gar 370 Liter. Dazu kamen außerordentlich starke Windböen mit bis zu 120 Stundenkilometern, die in Südtirol in diesem Ausmaß noch niemals aufgetreten waren und Windwurf verursachten – aber auch Menschenleben kosteten.
Trotzdem verlief der Oktober mit Temperaturen von 1,5 bis 2 Grad über den langjährigen Durchschnittswerten zu mild – genauso wie der November, in dem das Mittel um zweieinhalb bis drei Grad übertroffen wurde; Niederschlagsmenge wurde nur halb so viel gemessen wie sonst in einem November üblich. Und auch der Dezember hat bisher kaum mit „jahreszeitgerechten“ Temperaturen und Niederschlägen gedient.
Vielleicht geht es ja im neuen Jahr weniger turbulent zu? Ich wünsche es uns.

Robert Weißensteiner:
Sieg der Ungewissheit

Das Jahr 2018 war eine ereignisreiche Zeit, geprägt durch die Wahlen in Italien, Österreich, Deutschland und Südtirol, kontroverse Diskussionen über den Brexit und die Flüchtlingspolitik, anhaltende Spannungen in Krisenregionen rund um den Erdball, den drohenden Handelskrieg zwischen den USA und China oder manche Unwetterkatastrophen und zuletzt den Klimagipfel im polnischen Kattowitz. Durch alle Vorkommnisse zieht sich wie ein roter Faden der Eindruck, dass unsere Zeit geprägt ist von einem Verlust an Berechenbarkeit, an Gewissheiten und damit an Vertrauen. Der einstige Wunsch, die eigenen Kinder sollten es einmal besser haben, als wir es hatten, war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fast schon eine Gewissheit – trotz Kaltem Krieg und atomarer Bedrohung. An seine Stelle ist die Befürchtung getreten, dass es die Nachkommen schwerer haben werden als wir.
Die Ungewissheit hat Einzug in alle Bereiche des Lebens und Arbeitens gehalten. Die familiären Bindungen und sozialen Beziehungen scheinen – im Guten wie im Schlechten –
fragil geworden zu sein, das einmal Erlernte erweist sich als ungenügend und muss laufend ergänzt oder gar über Bord geworfen werden. Lebenslanges Lernen, ständiges Um- und Neudenken, laufende Veränderungen: Das ist der Stoff, aus dem Überforderung entsteht und Burnout gestrickt ist.
Ob Tischler, Einzelhandelskaufmann oder Busfahrer, Journalist oder Anlageberater: Viele Berufstätige müssen sich fragen, ob sie angesichts der digitalen Revolution, die wir erleben, angesichts von Dingen wie Industrie 4.0, künstlicher Intelligenz, selbst lernenden Maschinen und Algorithmen ohne Fehl und Tadel morgen noch gebraucht werden. Auch in der Politik regiert die Ungewissheit: Wer sich heute noch Volkspartei nennen darf, ist morgen schon eine Randfigur. Neue Kräfte mit neuen Versprechungen steigen am Polithimmel auf, getragen auch vom Wissen aus unzähligen Datenquellen darüber, wie Wähler ticken. Es ist dasselbe Wissen, das uns zu leicht manipulierbaren Verbrauchern machen könnte.
Die Ungewissheit prägt auch die Zukunft unserer wirtschaftlichen und politischen Beziehungen sowie militärischen Allianzen. Die USA sind unter Donald Trump unberechenbar geworden, die NATO droht zu zerfallen, die EU wird in ihren Grundfesten erschüttert, weil jene Applaus erhalten, die mit dem nationalen Interesse hausieren gehen und den Splitter in Brüssel so platzieren, dass man den Balken im eigenen Haus nicht mehr sieht. Globalisierung, Welthandel und Technologie haben eine Revolution eingeleitet. Allerdings stellt sich dieser ein neues Biedermeier-Denken entgegen, das getragen ist vom Wunsch nach dem Überschaubaren.
Wirklich: Wir leben in spannenden Zeiten. Wie es weitergeht, steht in den Sternen. Nur: Langweilig wird es sicher nicht.
Christian Pfeifer
Sabina Drescher
Simone Treibenreif
Robert Weißensteiner

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