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Dieser Artikel ist in der Ausgabe erschienen: Nr. 05/19  |  Freitag, 1. Februar 2019
Menschen & Unternehmen

Lenas Welt

SWZ-Serie Jung & hungrig (2) – Lena Wild war 2018 Südtirols beste Maturantin. Sie hat nicht nur die vierte und fünfte Klasse in einem Schuljahr absolviert, sondern nebenher auch Leistungssport betrieben und musiziert. Jetzt studiert sie in Wien. Was treibt sie an?

Wien/Terlan/Bozen – Tagelange, wenn nicht wochenlange Aufregung, mehrere Stunden in der Schule schwitzen, während draußen der Sommer wartet, alles abrufen, was man in fünf Jahren gelernt hat. So läuft die Maturaprüfung für die allermeisten Fünftklässler ab. Die Welt von Lena Wild aus Terlan sah anders aus. Die 18-Jährige besuchte regulär die vierte Klasse des Realgymnasiums Bozen, eignete sich im Selbststudium die Inhalte der fünften Klasse an und absolvierte am Ende des Schuljahres die Matura – mit überwältigendem Erfolg. 100 Punkte mit Auszeichnung erreichte sie. Am wenigsten hatte Lena selbst damit gerechnet.
„Mein Ziel war es, durchzukommen, nicht 100 Punkte zu erreichen, und schon gar nicht mit Auszeichnung“, sagt sie. Beinahe wirkt die Aussage wie ein Mantra, denn Lena wiederholt sie im Laufe des Gesprächs mehrere Male. Es ist ihr wichtig, zu betonen, dass sie mehr ist als die Hunderter-Matura. „Meine Eltern sagen immer, es ist nur ein kleiner Teil dessen, was mich ausmacht. Es ist toll, dass alles so geklappt hat, aber es war auch etwas Glück dabei.“
Eigentlich habe sie nur die Oberschule endlich hinter sich bringen wollen, denn während des Unterrichts habe sie sich oft gelangweilt. „Man kann nicht sagen, dass ich total unterfordert war. Ich hatte aber das Gefühl, viel produktiver zu sein, wenn ich zu Hause in meinem Tempo lernen konnte.“
Was genau mit der Matura auf sie zukommen würde, wusste Lena nicht. In der vierten Klasse wird die Abschlussprüfung noch nicht wirklich thematisiert. Dass sich die 60 Punkte, die es zum Bestehen braucht, ausgehen würden, konnte sich Lena allerdings von vornherein zusammenrechnen.
Schon seit ihrem allerersten Schultag musste sich Lena weniger anstrengen als die anderen Kinder. „Am Ende der Grundschule wurde ich gewarnt, dass es in der Mittelschule schwieriger wird. Am Ende der Mittelschule hieß es dann, in der Oberschule musst du dich mehr anstrengen. Für mich wurde es aber immer leichter“, erinnert sich Lena. Ihre Stärke: sich hinsetzen und konzentriert arbeiten können, gepaart mit einer guten Auffassungsgabe. „Fächer, bei denen man einfach auswendig lernen muss wie italienische Literaturgeschichte, muss ich gleich lernen wie jeder andere“, sagt sie. Während sich andere aber oft ablenken lassen, bleibt sie bei der Sache und behält den Lernstoff dazu noch schnell.
Freude hat sie an den meisten Fächern, auch an denen, die sonst nicht besonders populär sind. Latein etwa begeistert sie. „Latein ist wie Sudoku. Es ist zwar eine Sprache, aber man kann alles mathematisch lösen“, schwärmt Lena. Ihre Begeisterung und ihr Talent blieben nicht unbemerkt. Eine Lehrperson überredete sie im Frühjahr 2018, bei der österreichischen Bundesolympiade in alten Sprachen teilzunehmen. Wie bei der Matura trat Lena ohne große Erwartungen an – und konnte auch hier voll punkten. Sie gewann die Kategorie „Kurzlatein“. Ein weiterer Wettbewerb, den Lena für sich entschied, war die österreichische Philosophieolympiade: als erste Südtirolerin überhaupt. Wieder fällt auf, dass sie sich nicht mit dem Erfolg brüsten will. Im Gegenteil, Lena betont erneut, dass sie zwar stolz auf ihre Leistung sei, dass ihr aber andere Sachen wichtiger erscheinen. So findet sie es gut, nicht dem klassischen Klischee der Streberin zu entsprechen. „Ich renne nicht mit dicker Hornbrille durch die Gegend und brüte den ganzen Tag über den Büchern“, schmunzelt sie. Es gibt viele Bereiche neben der Schule, die sie interessieren und in denen sie auch gut ist. Trotz doppeltem Lernaufwand ging Lena weiterhin mehrmals wöchentlich zum Schwimmtraining und in die Musikschule.
Auch in ihrer neuen Wahlheimat Wien ist das Schwimmen ein wichtiger Ausgleich. Gitarre spielt Lena allerdings nur noch in ihrem Zimmer. Sie lebt seit Beginn des Wintersemesters in einer Zweier-WG in einem Studentenheim. Weil ihre Interessen so breit gefächert sind, belegt sie drei Studiengänge parallel: Philosophie, klassische Philologie und technische Physik. „Ich konnte mich einfach nicht entscheiden“, sagt Lena. Egal, welches Fach sie weggelassen hätte, sie hätte es bereut. Die Uni gibt ihr endlich das, was sie in der Oberschule so vermisst hat. Sie kann selbstständig arbeiten, sich alles selbst einteilen. Wo sie das Studium eines Tages hinführt, weiß Lena noch nicht. Das einzige Ziel lautet deshalb vorerst, den Abschluss zu machen.
Fürs Interview kommt Lena in den Weihnachtsferien eigens in die SWZ-Redaktion nach Bozen. Die dunkelblonden Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, unter der hellen Strickjacke trägt sie ein schwarzes T-Shirt, dazu Perlenohrringe. Zu ihrem erwachsenen Auftreten passt ihr bemerkenswertes Reflektiertsein. „Mein Denkvermögen“, sagt Lena, „ist nicht nur meine große Stärke, sondern zugleich meine große Schwäche. Ich denke immer über alles nach.“ Vor Prüfungen malt sie sich regelmäßig alle möglichen Szenarien aus, die eintreffen könnten. Die meisten davon sind nicht positiv. „Am Ende geht es dann aber doch immer gut“, lacht Lena. Größere Sorge bereiten ihr gewisse gesellschaftliche Tendenzen. Zu viele Menschen würden sich heute zu leicht manipulieren lassen durch falsche Tatsachen und Informationen. Das Internet verstärke das Phänomen. „Die Bereitschaft, einfach irgendwelche Behauptungen zu glauben, ohne sie zu hinterfragen oder zu überprüfen, nimmt ständig zu. Ich würde mir wünschen, dass die Leute wieder mehr nachdenken.“ Sie selbst geht mit gutem Beispiel voran. Es gibt viel Platz für Kopfarbeit in Lenas Welt – aber eben auch für vieles andere.
Sabina Drescher
sabina@swz.it
Infobox
Die Serie
In der Serie „Jung und hungrig“ stellt die SWZ Südtiroler und Südtirolerinnen mit den verschiedensten Lebensläufen vor. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Sie sind jung und hungrig nach Erfolg. Alle Artikel können auf SWZonline oder über die SWZapp nachgelesen werden.
„Es sollte keinen Unterschied machen, dass ich eine Frau bin“
SWZ: Wie stehst du zur Schule in Südtirol?
Lena Wild: Ich finde das Schulsystem super. Ich bin durch die Schule sehr gut auf das Studium vorbereitet, und das gilt auch für andere Südtiroler Schüler, besonders für die vom Realgymnasium. Wir haben schon viel gehört von dem, was in der Uni im ersten Semester drankommt.
Viele Lehrer haben mich sehr gefördert. Was einen guten Lehrer im Allgemeinen ausmacht, kann ich aber nicht sagen. Auch bei den Lehrmethoden habe ich keinen Favoriten. Ich hatte zum Beispiel einen Lehrer, der nur Frontalunterricht gemacht hat, und es war trotzdem total interessant.
Eins sehe ich allerdings kritisch: Das Schulsystem zieht mittlerweile alle Schüler mit. Es werden kaum mehr schlechte Noten vergeben. Die, die im Mittelfeld liegen und sich anstrengen, gehen dadurch etwas unter.
Du bist im Jahr 2000 geboren, bist also laut Definition Teil der Generation Z.
Ich bin zwar in dem Jahr geboren, aber ich würde mich nicht als Digital Native bezeichnen. Ich habe wenig ferngesehen, Heidi und Wickie – das war’s. Für mich waren auch Videospiele kein Thema. Nicht falsch verstehen, ich bin heute kein Hinterwäldler ohne Handy und Laptop. Heute sind Kinder aber noch mal viel technikaffiner.
Ich sehe diese Entwicklung allerdings kritisch, weil der Blick auf den Bildschirm so vieles tötet – Zeit und kreatives Potenzial zum Beispiel. Es gäbe so viel anderes zu tun, als nur aufs Handy zu starren. Ich befürchte, dass sich die Situation auch nicht verbessert. Ich fahre in Wien viel Straßenbahn, und es fällt einfach auf, wie viele Mamis ihrem Kind das Handy in die Hand drücken, damit es still ist, oder wie viele selbst ins Handy schauen, während das Kind seine Umgebung beobachtet. Das Kind bekommt den Konsum also von klein auf vorgelebt. Ich bin in den Hof gegangen zum Spielen, wenn mir langweilig war. Liegt ein Handy oder eine Playstation bereit, ist die Versuchung groß, sich davorzusetzen. Das ist bequemer.
Die Vertreter der Generation Z werden häufig als arbeitsscheu bezeichnet. Zu Recht?
Ich kann nur von meinen Erfahrungen sprechen und möchte nichts verallgemeinern. Ich habe schon das Gefühl, dass die Menschen in meinem Alter gerne etwas erreichen möchten, zum Beispiel gute Noten. Sie sind aber nicht unbedingt gewillt, viel dafür zu tun. Konzentriertes Arbeiten fällt vielen schwer. Mal aufs Ausgehen verzichten, um zu lernen, dazu sind viele nicht bereit. In der Oberschule war es so, dass viele gesagt haben, die Matura zählt eh nicht, wichtig sind dann die Noten an der Uni. Es ist ein Hinausschieben. Verantwortung will man lieber erst später. Viel für wenig, das hätten viele gern.
Welche Erwartungen hast du an einen potenziellen späteren Arbeitgeber?
Das ist sehr schwierig, weil ich noch nicht weiß, wo ich hingehen werde. Was mir auf jeden Fall wichtig ist: Es sollte keinen Unterschied machen, dass ich eine Frau bin. Es muss nach Leistung gehen. Das Ungleichgewicht auch bei der Bezahlung ist nicht gerechtfertigt, sondern wird einfach von Generation zu Generation so weitergeführt. Als Studentin der technischen Physik finde ich mich täglich in einer männerdominierten Umgebung wieder. Das muss sich in meinen Augen grundlegend ändern.
Als ich das erste Mal an der Tafel vorrechnen musste und es richtig gemacht habe, wurde ich komisch angeschaut. Das Klischee ist einfach da. Es wird aber besser, der Anteil an Frauen und Männern nähert sich ganz langsam an.

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