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Dieser Artikel ist in der Ausgabe erschienen: Nr. 08/19  |  Freitag, 22. Februar 2019
Südtirol

Der Lethargie-Virus

Wirtschaftsforum – Die Wohlstands-Lethargie, mangelndes digitales Verständnis sowie Politiker, die sich auf das Schaffen von Feindbildern spezialisieren, sind gefährlich. Das sagt „Investment Punk“ Gerald Hörhan. Am 29. März kommt er nach Brixen.

Bozen/Brixen/Wien – Für seine Fans in Österreich und Deutschland ist Gerald Hörhan eine Kultfigur. Sie lassen sich vom 43-jährigen Wiener in der „Investment Punk Academy“ zeigen, wie man reich werden kann – so wie er, dieser unangepasste, politisch oft unkorrekte, mit seinem Kleidungsstil auffallende Typ, der sich in der Rolle des Provokateurs gefällt. Selbst das ProSieben-Wissensmagazin Galileo hat ihn bereits porträtiert.
Nach dem Studium der angewandten Mathematik und Wirtschaft an der Eliteuniversität Harvard – Magna cum Laude abgeschlossen – wurde Hörhan Investmentbanker bei JP Morgan und McKinsey. Jetzt ist er der „Investment Punk“, Immobilien- und Start-up-Investor, Buchautor, Lehrender an verschiedenen Hochschulen. Die SWZ hat ihn schon im vergangenen Jahr in Innsbruck getroffen und porträtiert („Reich werden mit Gerald“, SWZ 26/18, nachzulesen auf SWZonline und über die SWZapp).

SWZ: Herr Hörhan, was können Unternehmer und Führungskräfte von Ihnen lernen?
Gerald Hörhan: Zum Beispiel das Verständnis für die digitale Ökonomie. Sehr viele Unternehmen – auch Konzerne – sind diesbezüglich im vorigen Jahrhundert steckengeblieben. Sie versäumen es, ihre Geschäftsmodelle und ihre Unternehmenskultur dem digitalen Zeitalter anzupassen. Wer aber mit seiner Unternehmenskultur „old fashioned“ ist, wird Schwierigkeiten haben, Mitarbeiter mit digitalen Kompetenzen zu gewinnen. Das ist existenzbedrohend, denn es gibt wenig Leute, die das wirklich haben, aber viele Unternehmen, die das brauchen.

Welches sind in Ihren Augen diese Kompetenzen, um aus der digitalen Revolution als Gewinner hervorgehen zu können?
Programmieren, Onlinemarketing, Data Science, Verständnis für Künstliche Intelligenz, Machine Learning, Machine-to-Machine-Communication, Internet of Things und die Macht der Algorithmen, aber genauso IT-Ethik und grundsätzlich auch die Blockchain-Technologie. Unternehmen und Personen, die das ignorieren, werden zukünftig nicht erfolgreich sein.

Gilt das für alle Branchen gleichermaßen?
Es gilt für alle Branchen, aber nicht für alle gleich stark. In manchen Branchen wird sich nur die Vermarktung ändern, in manchen das gesamte Geschäftsmodell. Bei den Banken und Steuerberatern sowie im Handel wird zum Beispiel kein Stein auf dem anderen bleiben. Das teure Krankenhaussystem wird sich ebenfalls wandeln: Wenn Algorithmen bei der Diagnose den praktischen Arzt ersetzen, kann sich das Gesundheitssystem mehr auf die Vorsorge konzentrieren. Auch die Fahrzeugindustrie muss sich neu erfinden – Autos mit vielen Extras teuer produzieren, sie mit schönen Kampagnen teuer vermarkten und dann über ein teures Händlernetz verkaufen, das ist spätestens mit der Einführung von selbstfahrenden Autos Geschichte.

„Viel Geld oder null Bock“ lautet das Thema, zu dem Sie beim Südtiroler Wirtschaftsforum am 29. März in Brixen sprechen werden. Leben wir in einer Null-Bock-Gesellschaft?
Es gibt eine Elite, vor allem die digitale Elite, die hungrig ist. Aber die Mehrheit der Menschen, auch der jungen Menschen, hat der Wohlstand träge gemacht. Ich habe unlängst einen 17-Jährigen, der soeben sein erstes Unternehmen gegründet hatte, mit der Frage konfrontiert, wer die Helden seiner Generation seien. Eigentlich müssten es jene Leute sein, die IT-Kenntnisse haben, sich anstrengen und damit schon als Teenager schönes Geld verdienen. Der 17-Jährige hat aber geantwortet, die Helden seien vielmehr die grasrauchenden Rapper mit den Goldketten und AMG Mercedes, die so tun, als müsste man sich im Leben nicht anstrengen.

Die Geschichte lehrt, dass viele Hochkulturen ausgerechnet am Höhepunkt ihres Wohlstandes untergingen. Sind wir Europäer eine untergehende Hochkultur?
Nein, das zu behaupten, wäre dann doch übertrieben. Aber Fakt ist, dass die Mehrheit der Menschen in den entwickelten Ländern lethargisch wird. Auf dieser Welle erhalten rechts- bzw. linksextreme Politiker Zulauf. Sie produzieren Feindbilder und setzen die Freiheit und den Wohlstand der Bürger aufs Spiel, etwa durch die Minderschätzung von Errungenschaften wie der Europäischen Union. Die zunehmende Lethargie birgt noch eine weitere Gefahr.

Und zwar?
Dass die Leute ihre Entscheidungen immer mehr an den Computer delegieren und somit an Algorithmen bzw. an die Konzerne, die die Algorithmen programmieren. So wie die Leute heute nicht mehr Kopfrechnen können, werden ihnen in fünf, zehn Jahren Alexa, Google oder wer auch immer die Entscheidung abnehmen, wie sie sich kleiden sollen, wohin sie zum Essen gehen, welches Auto sie kaufen, vielleicht sogar wen sie wählen.

Wer versagt da: die Eltern, die Schule, die Universitäten?
Ein Teil ist dem Wohlstand inhärent: Wenn Sie etwas haben, müssen Sie sich weniger anstrengen, als wenn Sie nichts haben. Ein Teil des Problems ist aber sicher auch das Bildungssystem, das im vorigen Jahrhundert verharrt. Vorne steht eine Lehrperson, die erzählt, was die Kinder und Jugendlichen ohnedies im Internet nachlesen können, und danach wird das Wissen abgeprüft. Lehrinhalte müssten digital gemacht werden, Lehrpersonen müssten mehr Coach und Motivator sein statt langweilige Vortragende. Das Bildungssystem ist verbürokratisiert, intransparent und teuer.

INFO Gerald Hörhan ist beim Südtiroler Wirtschaftsforum am 29. März in Brixen einer von fünf Referenten, neben Beinahe-Regierungschef Carlo Cottarelli, Ex-Topmanager Thomas Middelhoff, Illy-Spross Daria Illy und Dumëne Comploi, einem Gadertaler, der bei Disney arbeitet. Informationen und Anmeldungen unter www.wirtschaftsforum.it
Interview: Christian Pfeifer

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