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Dieser Artikel ist in der Ausgabe erschienen: Nr. 15/19  |  Freitag, 12. April 2019
Menschen & Unternehmen

Scheitern als Show

Fehlerkultur – Übers Scheitern spricht man nicht? Doch, und zwar immer öfter. Bei den Fuckup Nights, einer internationalen Veranstaltungsreihe, wird das Lernen aus Fehlern geradezu zelebriert, seit 2018 auch in Bozen. Bei der zweiten Südtiroler Ausgabe standen eine Alkoholikerin, ein Produktentwickler und ein Karate­weltmeister auf der Bühne.

Bozen – Die Carambolage ist bis auf den letzten Platz gefüllt an diesem regnerischen Donnerstagabend. Vor den Türen des Kellertheaters peitscht der Wind durch die Gassen der Bozner Altstadt, drinnen ist die Atmosphäre umso gemütlicher. Moderatorin und Organisatorin Miriam Rieder begrüßt die Gäste, von denen viele ein Glas Wein oder ein Bier vor sich stehen haben. „Schöntrinken muss sich den Abend aber niemand“, sagt sie. Wer sich auf eine traurige Veranstaltung eingestellt hat, wird gleich eines Besseren belehrt. Seine Fehler beweinen will hier niemand, Mitleid ebenso wenig. Das ist das Besondere einer solcher Fuckup Night. Pro Abend sprechen drei Personen über ihr (unternehmerisches) Scheitern und Wiederaufstehen, ehrlich, authentisch und eben mit einer ordentlichen Portion Humor.
Entstanden sind die Fuckup Nights 2012 in Mexiko. Was als Austausch unter Freunden begann, wurde bald zur globalen Bewegung. Die Veranstaltungsreihe ist mittlerweile in 304 Städten in 80 Ländern zu Hause. Mehr als 1.500 Geschichten vom Scheitern wurden erzählt. Vergangene Woche kamen in Bozen drei neue dazu (siehe beistehende Berichte). In diesem Jahr gibt es zwei weitere Veranstaltungstermine:
  • 23. Mai um 20 Uhr im UFO Jugend- und Kulturzentrum in Bruneck
  • 12. Dezember um 20.30 Uhr in der Carambolage in Bozen.
Organisatorin Miriam Rieder möchte ein neues Bewusstsein für die menschlichen Schwächen schaffen, vor allem auch in den Unternehmen. Auch dort möchte sie ab sofort Talks anbieten.
Die Sucht besiegt
Ruth Niederkofler ist Alkoholikerin. „Meine Kindheit“, sagt die Pustererin, „war ganz normal. Bis auf die Tatsache, dass mein Vati Alkoholiker war.“ Noch mehr als unter der Suchterkrankung des Vaters habe sie darunter gelitten, dass er sie, das jüngere Kind, gar nicht haben wollte. Dazu kam, dass sie in der Mittelschule gemobbt wurde. Schon mit 13 griff sie deshalb selbst zur Flasche. Die schwierige Jugend gipfelte in einer Beziehung mit einem Mann, der selbst trank und dann gewalttätig wurde. Ihn heiratete sie mit 19. Der Alkohol blieb fortan Niederkoflers Wegbegleiter, auch nach der Geburt ihrer zwei Kinder. Mit 35 war sie am Tiefpunkt angelangt. „Ich wollte nicht mehr da sein“, erzählt sie. Nach dem zweiten Suizidversuch innerhalb kürzester Zeit wurde sie schließlich in die psychiatrische Abteilung des Brunecker Krankenhauses eingewiesen. Die Wende brachte eine zehnwöchige Behandlung im Therapiezentrum Bad Bachgart. Sie trennte sich von ihrem Mann und begann ihr neues Leben.
Heute, 14 Jahre später, ist Niederkofler Gesundheitsbloggerin. Sie hat zahlreiche Aus- und Weiterbildungen absolviert, unter anderem zur Sozialbetreuerin und Gesundheitstrainerin, und teilt ihre Erfahrungen bei Vorträgen, in ihrem Videoblog „Gesund alt werden“ und auf der gleichnamigen Facebook-Seite, die mittlerweile mehr als 6.000 Likes zählt. Warum gerade sie über Gesundheit spricht? „Weil ich beide Seiten in meinem Leben gelebt habe, eine ganz schlechte für viele Jahre, und jetzt eine gute Seite“, betont Niederkofler. „Ich bin vor dem Höllentor gestanden. Aber ich habe gekämpft und stehe heute mit beiden Beinen wieder fest im Leben.“ Niederkofler ist auf dem besten Weg in die unternehmerische Selbstständigkeit. „Dadurch hoffe ich, vielen Leuten meinen Lebensstil schmackhaft machen zu können“, sagt sie, denn von diesem sei sie „total überzeugt“. Mit ihrem Beispiel wolle sie aufzeigen, dass man trotz Alkoholabhängigkeit und bewegter Vergangenheit von der Gesellschaft akzeptiert wird, und somit zu seiner Geschichte stehen kann.
Festival- Revival
Der Jugendtraum schien wahr zu werden: Maximilian Schneider-Ludorff machte mit seiner Band erfolgreich Musik, träumte schon von der Karriere im Show-Business. Doch dann verstarb einer der Bandkollegen, und der Traum platzte. Dem Freund zu Ehren wollte Schneider-Ludorff ein Hip-Hop-Festival in seiner Heimat Limburg organisieren, die Tapefabrik. „Unsere amateurhafte Unprofessionalität war beeindruckend“, erinnert er sich. Geld war keines da. „Also hab ich mich selbst in den Bus gesetzt und hab ein paar von den Künstlern in Berlin abgeholt. Die hatten alle super Laune nach 500 Kilometern Fahrt.“ Hundert Leute hatten Schneider-Ludorff und sein Team erwartet, tausend kamen.
Angetrieben von diesem ersten Erfolg, sollte die zweite Ausgabe eine Nummer größer werden. Die Veranstalter zogen mit ihrem Festival in den Schlachthof nach Wiesbaden um. Wieder wurden namhafte, aber nicht ganz berühmte Künstler eingeladen, wieder war das Festival das einzige seiner Art in der Region, wieder strömten die Besucher dorthin. Mit zunehmendem Erfolg wuchsen bei Maximilian die Euphorie und der Mut zum Risiko. Er verlagerte die Tapefabrik nach Berlin. Doch die fehlende Vision und Strategie forderten ihren Tribut. Viel weniger Tickets als erwartet wurden verkauft, und plötzlich saß Schneider-Ludorff auf einem Schuldenberg von 40.000 Euro.
Er schloss sein Medieninformatik-Studium ab, begann als digitaler Produktentwickler zu arbeiten und stotterte in den nächsten fünf Jahren seine Schulden ab. „Das große Problem war, dass wir nicht wirklich verstanden hatten, wieso wir davor erfolgreich waren.“ Die eigentlichen Faktoren kann Schneider-Ludorff heute benennen: der Standort und die Lage in Wiesbaden, in einer Region, in der kulturell nicht viel stattfindet, die künstliche Verknappung, die Partnerschaft mit der Location und die speziellen Künstler. Mit dieser Erkenntnis und einer klaren Strategie begann er 2017, das Festival wiederzubeleben. Drei Ausgaben gab es seitdem – sie alle waren ausverkauft.
Wahre Stärke
Es gibt gewisse Wendepunkte im Leben, die Menschen besonders prägen. Für Bernhard Pircher gab es gleich zwei dieser Punkte. Am einen kam er schon mit 16 Jahren an, es war gerade Fasching. Nichts ahnend ging er mit seinen Freunden durch Bozen, als er ohne Grund brutal von einer Gruppe Männer zusammengeschlagen wurde. „So wollte ich mich nie mehr fühlen“, sagt Bernhard, der daraufhin begann, wie ein Verrückter Karate zu trainieren. Auch während des Ingenieurstudiums in München verfolgte er seine sportliche Karriere weiter – bis zum Weltmeistertitel. Beim größten Energielieferanten Südtirols begann er schließlich zu arbeiten. „Ich war aber bald nicht mehr zufrieden damit und wollte mein eigener Chef sein“, sagt Pircher. Mit großem Ehrgeiz widmete er sich der neuen Aufgabe, eröffnete mehrere Firmen und stieg schließlich in ein Energie-Start-up ein, das der ganz große Clou werden sollte. Doch das Gegenteil passierte, finanziell und menschlich forderte das Projekt Pircher bis aufs Äußerste. Der zweite Wendepunkt war gekommen, Pircher stand vor dem Nichts. „Mit Ehrlichkeit und Menschlichkeit habe ich mich aus meiner Misere befreit“, sagt er. Drei Lehren habe er für sich selbst aus seiner Erfahrung gezogen: „Erstens: Gutmütigkeit grenzt an Dummheit. Vertrauen ist gut, aber Misstrauen ist als Unternehmer oft angebrachter. Zweitens: Suche dir Hilfe, wenn du Hilfe brauchst. Drittens: Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, war es noch nicht das Ende.“ Zehn Jahre dauerte sein Irrweg. Dabei sei das Investment schon unter schlechten Vorzeichen gestartet. Kopf und Herz hätten zwar ja gesagt, doch sein Bauch habe geschmerzt, als er die Zusage erteilte. „Ich kann nur jedem raten, öfter auf den Bauch zu hören.“ Auf der Bühne fällt es Pircher sichtlich schwer, über diese Zeit zu sprechen. Nun aber habe er sein bestes Ich gefunden. Er bietet Lekido-Sicherheitstrainings an, Body- und Mentaltraining speziell für Frauen und Kinder. „Ich bin wieder voll in meinem Element.“
Sabina Drescher
sabina@swz.it

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