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Dieser Artikel ist in der Ausgabe erschienen: Nr. 24/19  |  Freitag, 14. Juni 2019
Südtirol

Richtungswechsel

Start-up Südtirol 2019 (1) – 2010 wanderte Johannes Ausserer nach Moskau aus, 2012 gründete er ein Beratungsunternehmen, nun hat er sich mit zwei Co-Foundern ein weiteres Standbein geschaffen: Scoutrix, ein Start-up, das russische IT-Fachkräfte in die EU vermittelt.

Moskau/Bozen – IT-Fachkräfte sind bereits jetzt rar und werden in den kommenden Jahren immer gefragter werden. „Bis 2030 fehlen in Europa 900.000 IT-Fachkräfte – wenn nicht schnell gegengesteuert wird“, heißt es Spiegel Online zufolge in einem jüngst veröffentlichten gemeinsamen Positionspapier des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) und der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA).
Aufgrund dieses IT-Fachkräftemangels haben der Südtiroler Johannes Ausserer und seine beiden Co-Founder Dimitrij Tonet, ein Schweizer, und Cyrille Derche, ein Franzose, eine Geschäftsidee entwickelt, die beim Gegensteuern helfen kann: Die drei jungen Männer, alle um die 30 Jahre alt, haben in Russlands Hauptstadt Moskau das Start-up Scoutrix gegründet, das IT-Spezialisten mit guten Englischkenntnissen aus Russland, Weißrussland und der Ukraine an Unternehmen in der Europäischen Union, vornehmlich dem deutschsprachigen Raum, vermittelt.
Ausserer, Jahrgang 1987, ist in Bozen und Tisens nahe Meran aufgewachsen. Nach einer Ausbildung an der BBS – Business School St. Gallen sowie dem Wirtschaftsstudium an der Freien Universität Bozen und der Moskauer Wirtschaftsuniversität Plekhanov sammelte er Berufserfahrungen in Deutschland und Italien, bevor er 2010 nach Russland auswanderte. Seit 2012 ist er Managing Partner von „Ausserer & Consultants“, einem auf Steuern und Buchhaltung spezialisierten Beratungsunternehmen, das vor allem für Firmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bzw. deren Tochtergesellschaften oder Repräsentanzen in Russland tätig ist.
Dieses Stammgeschäft, so Ausserer, entwickle sich gut, doch er habe nach einem weiteren Standbein mit Potenzial „in die andere Richtung“ gesucht: „Mit ‚Ausserer & Consultants‘ arbeiten wir für europäische Unternehmen, die nach Russland kommen, mit Scoutrix hingegen von Russland nach Europa“, so der Start-upper.
Gemeinsam mit seinem Co-Founder Dimitrij Tonet habe er sich schon seit einiger Zeit die Frage gestellt, was es Gutes in Russland gebe, das man der Welt oder Europa anbieten könnte. „Wir hatten schon mehrere Ideen, an denen wir gemeinsam getüftelt haben“, so Ausserer. „Aber jene zu Scoutrix ist die erste, die uns gut genug erschien, um in die Umsetzung zu gehen.“
Denn in Russland und in der GUS-Region im Allgemeinen sei die Ausbildung sehr mathematik- und informatikaffin und auf „einem sehr, sehr hohen Standard“, sagt Ausserer und ergänzt: „Deshalb haben auch einige Unternehmen, zum Beispiel das Schweizer Logistikunternehmen Kühne + Nagel oder Deutsche Bank, hier IT-Hubs errichtet.“ Als ihm dann ein Bekannter, ein in Deutschland arbeitender Russe erzählt habe, dass in „seinem“ Unternehmen dringend nach IT-Mitarbeitern gesucht werde, und dass bereits mehrere Russen bei ihm im Team arbeiteten, sei die Idee zu Scoutrix entstanden.
„Es gibt in Russland zwar keinen enormen Fachkräfte-Überschuss. Doch trotz des hohen Ausbildungsstandards fehlen teilweise interessante Arbeitgeber – ausgenommen Yandex, das ist das russische Google, und Hubs ausländischer Unternehmen, welche einen guten Mix aus Aufgabenstellung, Wertschätzung und finanzieller Entschädigung bieten“, erzählt Ausserer. „Viele Fachkräfte sind mit ihren Stellen, der Unternehmenskultur oder eben auch der Bezahlung nicht zufrieden, weshalb die Option, zeitweise oder auch lange Zeit im Ausland Erfahrung zu sammeln, gerne angenommen wird.“
Die ersten Schritte von Scoutrix erfolgten recht zügig: Die Geschäftsidee entstand im Februar, nach etwa zwei Wochen kam der Franzose Derche zum „Ausgangs-Team“ Ausserer und Tonet hinzu. „Wir haben zum einen einen Spezialisten aus dem IT-Bereich gebraucht, und wollten zum anderen jemanden mit internationaler Erfahrung, der Russland gut kennt, aber auch weiß, was in Europa nachgefragt wird, und welche Kenntnisse und Fähigkeiten Kandidaten, die wir vermitteln, haben müssen“, sagt Ausserer. Diese Voraussetzungen bringe Derche mit, der deshalb als dritter Co-Founder zum Scoutrix-Team stieß.
Die Arbeitsteilung im Start-up ist nun wie folgt: Derche ist für den technischen Bereich zuständig, Tonet vor allem für Sales und den direkten Kundenkontakt, Ausserer für Networking und Strategie. Zwischen zehn und 20 Stunden wöchentlich ist Ausserer für Scoutrix im Einsatz – neben weiteren 40 bis 50 Stunden in seinem Hauptjob.
Anfang April ging die Scoutrix-Website online. Das Unternehmen selbst ist noch in der Gründungsphase. „Bis dato wickeln wir die Geschäfte über meine Hauptgesellschaft ab“, sagt Ausserer. Erste Vermittlungen nach Deutschland hat es schon gegeben. Verdient haben die Gründer mit ihrer Geschäftsidee jedoch noch nichts. „Ich gehe davon aus“, so Ausserer, „dass wir bis Ende des Jahres Einnahmen erzielen werden.“ Er fügt aber auch an, dass die bisherige Startphase „relativ kostengünstig gewesen ist: Wir nutzen Büro und Adresse von ‚Ausserer & Consultants‘, auch die Gründung machen wir. Kosten hatten bzw. haben wir lediglich fürs Aufsetzen der Website und für das Pflegen des Netzwerks, was aber auch jeder für seine Haupttätigkeit macht. Es sind viele Synergien, die wir nutzen können“, führt Ausserer aus.
Dass es mit Scoutrix bisher so rasch vorangegangen ist, führt Ausserer auch darauf zurück, dass alle drei Co-Founder bereits Erfahrungen als selbstständige Unternehmer bzw. Freiberufler haben.
Die Kommunikation zwischen den Geschäftspartnern läuft hauptsächlich über ein Onlinesystem. „Was gut klappt“, sagt Ausserer. „Und was auch wichtig ist, denn wir befinden uns nicht ständig am selben Ort: Cyrille pendelt zwischen Portugal, der Schweiz und Moskau; Dimitrij und ich sind zwar hauptsächlich in Moskau, doch beruflich bin besonders ich regelmäßig im Ausland unterwegs.“
Gibt es mit Scoutrix vergleichbare Unternehmen? „Wir haben in Moskau bzw. Russland“, so Ausserer, „keine mit diesem Ost-West-Modell und der Spezialisierung auf IT gefunden. Im weltweiten Vergleich gibt es aber einige Recruiter, die sich auf den IT-Bereich spezialisiert haben.“
Und wo sehen die Gründer Scoutrix in fünf Jahren? „Die Idee“, sagt Ausserer, „hat sicherlich Potenzial. In diesem Sinne hoffen wir, dass Scoutrix ein paar Jahre gut läuft. Aber die Idee ist wohl auch zu speziell, um richtig groß zu werden. Auch wenn es in Russland viele gut ausgebildete Fachkräfte gibt, ist das grundsätzliche Russland-Bild im Westen und der Eindruck, den viele Europäer von Russland haben, eintönig gefärbt – ungeachtet dessen, was für das Land und die Menschen hier eigentlich wirklich zutrifft. Es ist deshalb zu erwarten, dass teilweise Abstriche bei fachlichen Skills in Kauf genommen, und lokale Kandidaten vorgezogen werden.”
Simone Treibenreif
simone@swz.it
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Nicht mit jeder guten Idee lässt sich auch Geld verdienen
SWZ: Was macht für Sie ein Start-up aus?
Johannes Ausserer: Kreatives Handeln mit neuen Ansätzen, Wegen und Lösungen für bekannte Situationen oder Probleme. Start-up wird häufig als eine Art „Trend“ oder als „in“ wahrgenommen. Am Ende des Tages ist es aber recht einfach, ein Start-up unternehmerisch zu bewerten: Gibt es einen Markt, und ist das Produkt zur richtigen Zeit am richtigen Ort?
Was bedeutet es, Start-upper zu sein? Trifft die weit verbreitete Meinung zu, Start-upper würden 24 Stunden und sieben Tage in der Woche für ihr Projekt leben, mit einem gähnend leeren Bankkonto, in der Hoffnung, irgendwann groß rauszukommen?
Der finanzielle Zwang, einer bestimmten beruflichen Aufgabe nachzugehen, ist als Motivation für etwas Neues fast immer ungeeignet und verkrampft. Eine rein auf finanzielle Ziele konzentrierte Motivation, oder das Streben danach, „groß“ rauszukommen, sind auf lange Sicht nur bedingt geeignet. Deshalb ist es wichtig, einer Aufgabe nachzugehen, die gefällt, das ist die beste Motivation – ob dann 24 Stunden oder nur einige Stunden am Tag, ist dann eher von der grundsätzlichen Lebenseinstellung abhängig.
Was das leere Bankkonto betrifft, ist das sicherlich ähnlich: Wohnort, Konsumgewohnheiten und -wünsche sind gleichermaßen dafür verantwortlich, ob das Bankkonto leer oder gut gefüllt ist.
Warum haben Sie die Entscheidung für den Standort Russland/Moskau getroffen? Waren auch andere Standorte für die Unternehmensgründung im Gespräch?
Russland hat in den vergangenen Jahren Riesenschritte in der Digitalisierung gemacht, Smart-City- und Banking-Applikationen sind die bei Endverbrauchern sofort sichtbare Lösungen – hierfür braucht es entsprechende Fachkräfte, welche man in Russland, aber auch in den angrenzenden Ländern wie Weißrussland und der Ukraine findet. Die passenden Fachkräfte, gepaart mit der internationalen Erreichbarkeit Moskaus durch nunmehr vier internationale Flughäfen, zuvorkommende Unternehmensbesteuerung und Unterstützung für Neugründungen begründen die Wahl Moskaus als idealen Standort. Dazu ist Moskau eine sehr lebenswerte und junge Stadt, was das Leben und das Drumherum sehr angenehm macht.
Wie ist das Umfeld, sind die Voraussetzungen für ein Start-up-Unternehmen in Moskau bzw. Russland? Gibt es Hilfe, oder ist man auf sich alleine gestellt?
Die Besteuerung bzw. das administrative Handling ist für Kleinstunternehmen in Russland sehr zuvorkommend. Neugründungen werden unterstützt, die Registrierung von Unternehmern vereinfacht – und ist für Einzelunternehmen nahezu kostenfrei. Für Kapitalgesellschaften, also beispielsweise Tochtergesellschaften ausländischer Unternehmen, werden durch spezielle Investitionsverträge und sogenannte Special Economic Zones Anreize für Investitionen und Lokalisierung geschaffen.
Stichworte Business Angels und Investoren: Wie schaut die diesbezügliche Situation in Moskau aus?
Es gibt hierfür eine breite Szene in Moskau, Unternehmer sein oder Start-upper sein ist im Trend. Moskau zählt zu den Städten mit der höchsten „Milliardärs-Dichte“ weltweit und Business Angels und Investoren sind verfügbar. Da für unser Geschäftsmodell jedoch kein Fremdkapital notwendig war, sind wir nur eingeschränkt in der Start-up-Szene unterwegs.
Welches sind aus Ihrer Sicht die größten Schwierigkeiten für ein Start-up?
Zu begreifen, dass eine gute Idee nicht zwingend bedeutet, damit auch Geld verdienen zu können. Persönliche Überzeugung, Enthusiasmus und Motivation für ein Projekt sind wichtig, aber nicht ausreichend: Am Ende entscheiden Abnehmer oder Verbraucher über Erfolg oder Misserfolg, so wie bei einem herkömmlichen Unternehmen auch.
Die Serie
Im vergangenen Jahr hat die „Südtiroler Wirtschaftszeitung“ (SWZ) von Mitte Juni bis Mitte September zwölf Südtiroler Start-ups vorgestellt und dabei auch versucht, zu ergründen, wie es am Standort Südtirol um die Start-up-Szene bestellt ist (alle Artikel sind in der SWZapp und auf SWZonline nachzulesen).
Weil in der SWZ-Redaktion so viele positive Rückmeldungen auf diese Artikelserie eingingen, wird die Serie in diesem Jahr eine zweite Runde gehen – wobei nicht mehr ausschließlich Südtiroler Start-ups im Fokus stehen, sondern auch Südtiroler Start-upper, die ihr Unternehmen außerhalb der Landesgrenzen angesiedelt haben, porträtiert werden. Neben einem allgemeinen Teil zum jeweiligen Start-up beantworten alle Gründer dafür einen Fragebogen mit denselben Fragen, die bei Auslandssüdtirolern natürlich auf ihre jeweilige Situation angepasst werden.

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