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Dieser Artikel ist in der Ausgabe erschienen: Nr. 25/19  |  Freitag, 21. Juni 2019
Südtirol

Vom „Why“ hängt es ab

START-UP SÜDTIROL 2019 (2) – Die Plattform Tourisit wurde zur Vermittlung von Erlebnissen und zur Auswertung touristischer Daten für Regionen entwickelt. Doch dies ist nicht das einzige interessante Projekt der jungen Gründer um den Eisacktaler Alex Oberegger.

Bozen/Vahrn – „Du kannst nur weiterkommen, wenn du weiterkommen willst“, sagt Alex Oberegger. Der junge Vahrner selbst hat vor, voranzukommen. Er ist zwar erst 22 Jahre alt, doch wenn er von seinen Erfahrungen und seinem beruflichen Werdegang erzählt, möchte man meinen, er sei deutlich älter: Im Alter von 15 Jahren stellte er sein erstes Onlineprojekt auf die Beine, eine Plattform, über die Künstler ihre Designs hochladen und direkt auf Kleidung präsentieren sowie verkaufen konnten. „Erfolg war das keiner“, schmunzelt Oberegger, „auch weil mir damals noch viel Know-how gefehlt hat.“
Als 15-Jähriger begann er auch mit der Maurerlehre im Familienunternehmen. „Ich habe in dieser Zeit, wann immer möglich, Hörbücher gehört, vor allem Sachbücher – die Themenpalette reichte von Unternehmensgründung über Zukunftsszenarien bis zu Technologie“, erzählt Oberegger und schätzt, dass er auf diese Weise über die Jahre Hunderte Stunden in Bücher investiert hat.
2016 gründete Oberegger, er war gerade 18 Jahre alt, sein erstes eigenes Unternehmen: Real Bootcamp, eine Vermittlungsplattform, über die Trainer Outdoor-Fitnesstrainings selbstständig anbieten können. „Durch das wachsende Interesse an der Outdoor-Fitnessbranche wurden in kürzester Zeit an mehr als 20 Standorten in Südtirol und Tirol Trainings über die Plattform angeboten“, erzählt Oberegger. „Bei der Umsetzung dieses Projekts habe ich das Problem erkannt, dass solche Plattformen für andere Erlebnisbereiche fehlen. Daraus ist die Idee für Realife entstanden.“
Realife gründete er 2017 gemeinsam mit drei Co-Foundern – und während er noch für ein im Bausektor tätiges Unternehmen arbeitete – als regionale B2C-Plattform, über die Anbieter jeder Art ihre Erlebnisse anbieten konnten, vom Nachmittag mit dem Imker bis hin zur Klettertour.
Neben Oberegger zählen der Pusterer Manuel Tschurtschenthaler (30) sowie die beiden Eisacktaler Maximilian Torggler (21) und Florian Moser (23) zu den Gründern. Während der Tourismusunternehmer Tschurtschenthaler mit seinem Know-how als – Oberegger zufolge – „eine Art Business Angel“ fungiert, sind die beiden anderen im Bunde IT-Experten.
2018 gewann Realife die Südtiroler Ausgabe des Business-Plan-Wettbewerbs adventureX. Mittlerweile wurde das Ausgangskonzept überarbeitet und das Projekt in Tourisit (www.tourisit.com) umbenannt. „Das Prinzip der Plattform – die Vermittlung von Erlebnissen – ist geblieben, doch wir bieten nun eine White-Label-Lösung für Tourismusregionen, die auf den Onlineseiten von Tourismusorganisationen, Hotels etc. integriert werden kann“, erklärt Oberegger. „Wir haben uns von einer B2C- zu einer B2B-Plattform entwickelt, die die digitale Lösung zur Verfügung stellt, selbst jedoch nur in geringem Ausmaß an der Vermittlung beteiligt ist.“ Die Regionen seien durchaus am Produkt interessiert, derzeit verhandle man mit einigen Regionen im DACH-Raum.
Woher rührt das Interesse? „Internationale Plattformen wie Booking oder AirB&B haben bei der Unterkunftsvermittlung eine enorme Macht. Zudem sammeln sie als ‚Nebenprodukt‘ gigantische Datenmengen, die sie nun“, erklärt Oberegger, „da sie auch in den Erlebnismarkt einsteigen, zu ihrem Nutzen verwenden. Das führt dazu, dass den regionalen touristischen Anbietern immer mehr Daten über ihre Gäste fehlen, die sie aber bräuchten, um sich weiterzuentwickeln und entsprechend zu positionieren. Zudem leben die Verbände von den touristischen Betrieben, weshalb es wichtig ist, dass die Buchungen wieder in ihren Einflussbereich zurückkommen.“ Mit Tourisit könne das Problem angegangen werden.
Ersonnen wurde die neue Strategie gemeinsam mit dem I.E.C.T. – Institute for Entrepreneurship Cambridge – Tirol, einer privaten Institution, deren Ziel es ist, ausgewählte Entrepreneure und Start-ups zu nachhaltigem wirtschaftlichen Erfolg zu führen.
An einer Weiterentwicklung von Tourisit arbeiten die Start-upper bereits – auf tourisit.booking soll demnächst tourisit.analytics folgen. „Dabei legen wir einen starken Fokus auf letzteres, denn das Buchungs-Tool ist nicht für jede Region eine Option, die Auswertung der regionalen Daten im Tourismusbereich aber ist etwas Neues am Markt“, sagt Oberegger. „Und Daten sind Gold wert, wenn man sie richtig nutzt.“
Wenn der Schwerpunkt von Oberegger, Tschurtschenthaler, Torggler und Moser derzeit auch darauf liegt, mit Tourisit im DACH-Raum durchzustarten, so verfolgen die Gründer dennoch zeitgleich weitere Projekte. „Beispielsweise eine Education-Plattform für das Leben, mit dem der Nutzer sowohl company- als auch life-seitig viel schneller wachsen kann“, sagt Oberegger. „Mit dem noch sehr jungen Projekt haben wir uns unter den weltweit 12 nominierten Start-ups den zweiten Platz bei der RedBull Futur/io Competition geholt und wurden damit ins Futur/io-Zukunftsinstitut aufgenommen, wo wir mit den besten Zukunftsforschern weltweit zusammenarbeiten dürfen.“
Eine weitere Geschäftsidee der Tourisit-Gründer ist die Tätigkeit als Innovationsagentur. „Diese Tätigkeit wird derzeit entwickelt. Wir möchten zum einen etablierten Unternehmen helfen, sich die Digitalisierung zunutze zu machen, zum anderen jungen Unternehmen und Gründern mit unserem Know-how und unserem Netzwerk einen Accelerator bieten“, erklärt Oberegger und ergänzt: „Dazu wollen wir technisch talentierte Leute mit digitalen Ideen in Bereich Machine Learning, Blockchain, Robotics, Augmented Reality, Virtual Reality, Quantum Computing und IoT zu uns in den Betrieb holen und mit ihnen gemeinsam schauen, ob ihre Idee Potenzial hat.“ Eine private Unterstützungs-Einrichtung als Konkurrenz zur öffentlichen Struktur NOI Techpark also? „Nein, eine Ergänzung. Es gibt so viele junge Leute mit guten digitalen Geschäftsideen, die zu unterstützen ist wichtig, und führt zu einem Mehrwert für den Standort Südtirol.“
Dass es bei der Vielzahl der „Tätigkeits-Baustellen“ irgendwann zu viele für die vier Gründer sein könnten, diese Gefahr sieht Oberegger nicht: „Wir setzen uns Ziele, deren Umsetzung wir anhand des von uns ausgearbeiteten Managementtools verfolgen – sicher, das ist in der strategischen Entwicklung einfacher als in der praktischen Umsetzung, aber es funktioniert.“
Neben dem Büro im NOI Techpark in Bozen ist Tourisit momentan auch in Salzburg im „Next Floor“ inkubiert, einem auf Tourismus spezialisierten Start-up-Akzelerator. „Wir suchen dort Partner und/oder Investoren“, erzählt Oberegger.
Apropos Investoren: Wie finanzieren die Gründer Tourisit & Co.? „Bisher über Bootstrapping“, so Oberegger. Also ohne externe bzw. Fremdfinanzierung. Bei Tourisit soll dann schon bald zum einen über eine Lizenzgebühr Geld in die Kassen fließen, zum anderen über eine Provision pro vermitteltes Erlebnis, die jedoch deutlich unter der bei internationalen Plattformen üblichen Vermittlungsprovisionen liegen soll, wie Oberegger ausführt. „Schon mit einem Kunden könnten wir leben; Ziel ist es, bis Herbst drei bis sechs Regionen ins Boot zu holen.“
Parallel sucht das Südtiroler Start-up jedoch auch Investoren oder Business Angels. „Wir wissen“, sagt Oberegger, „dass wir viel Potenzial haben, wir brauchen nicht unbedingt einen Investor, aber mit könnten wir sehr viel schneller wachsen.“
Seine Eltern, verrät Oberegger, seien besonders anfangs „nicht so begeistert“ gewesen, als er sich entschieden habe, den Weg als Start-upper zu gehen, anstatt einen traditionellen Beruf zu ergreifen. Doch weder an Selbstbewusstsein noch an der Überzeugung, dass er es auf seine Weise schaffen kann, mangelt es ihm. Ebenso wenig wie an klaren Vorstellungen darüber, wie er sein Leben leben möchte – die jenen der sogenannten Generation Z entsprechen: „Der Fokus ist das Leben. Die Company soll für uns arbeiten, nicht wir für die Company“, unterstreicht Oberegger. „Dabei hängt vieles mit dem Why zusammen: warum du tust, was du tust.“

INFO Im vergangenen Jahr hat die SWZ von Mitte Juni bis Mitte September zwölf Südtiroler Start-ups vorgestellt und dabei auch versucht, zu ergründen, wie es am Standort Südtirol um die Gründerszene bestellt ist (alle Artikel sind in der SWZapp und auf SWZonline nachzulesen). Weil in der Redaktion so viele positive Rückmeldungen auf diese Serie eingingen, geht sie in diesem Jahr in eine zweite Runde.
Simone Treibenreif
Infobox
„Kreative Problemlöser hatten noch nie so viele Chancen, etwas zu bewegen“
SWZ: Was macht für Sie ein Start-up aus?
Alex Oberegger: Ein Start-up ist für mich ein Unternehmen mit einem nachhaltigen profitablen Geschäftsmodell, das auf schnelles exponentielles Wachstum setzt.
  
Was bedeutet es, Start-upper zu sein? Trifft die weit verbreitete Meinung zu, Start-upper würden 24 Stunden und sieben Tage in der Woche für ihr Projekt leben, mit einem gähnend leeren Bankkonto, in der Hoffnung, irgendwann groß rauszukommen?
Man muss anders fragen: Trifft die weit verbreitete Meinung zu, Start-upper würden 24 Stunden und sieben Tage in der Woche für ihr Projekt leben, mit einem gähnend leeren Bankkonto, in der Hoffnung, irgendwann viele Menschen von der eigenen Idee überzeugt und bewegt zu haben? Ja, das trifft zu – gilt aber nicht nur für Start-upper, sondern für alle Menschen mit Ideen.
 
Welches sind die größten Schwierigkeiten für ein Start-up?
Das Aufbauen eines starken Netzwerkes. Wenn man schneller zu erfahrenen Leuten kommen würde, würde man schneller wachsen. Persönlich und geschäftlich. Beispielweise hatten wir vor Kurzem ein Meeting mit dem CEO von Fiverr, Micha Kaufman; Fiverr ist die weltweit führende Onlineplattform, die sogenannte Mikrojobs, Internet-basierte Dienstleistungen, vermittelt. Solche Treffen bedeuten: erfolgreicher Erfahrungsaustausch in kürzester Zeit.
  
Warum haben Sie sich nicht für einen „normalen“ Job entschieden? Möglichkeiten würde Südtirols leergefegter Arbeitsmarkt zur Genüge bereithalten.
(lacht) Das frage ich mich auch manchmal, wenn um 4 Uhr morgens mein Notebook wegen schwachen Akkus ausschaltet. Scherz beiseite, kreative Problemlöser hatten noch nie so viele Chancen wie jetzt, etwas in der Welt zu bewegen. Die digitale Welt entwickelt sich schnell; als Vordenker und Problemlöser musst du schneller sein. Und das ist die Herausforderung, die mir gefällt: Dass man nie aufhört, zu lernen!
  
Warum haben Sie die Entscheidung für den Standort Südtirol getroffen?
Italien bietet interessante Steueranreize für Jungunternehmer in der Frühphase und Südtirol großzügige Fördertöpfe für Innovations- und Entwicklungsprojekte. Andere Standorte sind als Internetunternehmen nie ausgeschlossen; ein zweiter Standort wird in nächster Zeit sicher folgen.
 
Wie sehen Sie die Start-up-Community im Land? Gibt es überhaupt eine solche?
Der NOI Techpark mit dem Business Incubator in Bozen ist sicherlich eine Community. Ich bin sehr stolz auf dieses Zentrum, das die Provinz Bozen innerhalb weniger Jahre geschaffen hat: Es vermischt sich ein hochtechnologisches Ambiente mit Ideen und Persönlichkeiten mit speziellen Fähigkeiten. Das ist ein sehr fruchtbarer Boden, auf dem sich Innovationen bzw. Start-ups entwickeln können.
  
Wie ist das Umfeld, sind die Voraussetzungen für ein Start-up-Unternehmen in Südtirol bzw. Italien? Gibt es Hilfe oder ist man auf sich alleine gestellt?
Die Voraussetzungen sind da. Hilfe gibt es zur Genüge, man muss aber gewillt sein, die für sich passende zu finden, und die Zeit aufbringen.
  
Was könnte die Politik bzw. die öffentliche Hand tun, damit der Standort Südtirol für Start-upper interessanter wird?
Drei Dinge: Erstens muss Südtirol gute Bedingungen für Private schaffen, die in innovative Start-ups investieren wollen. Denn letztlich kann ein Start-up mit Privatkapital viel schneller skalieren. Zweitens sollten Start-up-Akzeleratoren stark gefördert werden, damit durch Experten weltweites Know-how ins Land kommt. Drittens sollte es nach der Mittelschule einen eigenen Lehrgang, eine Lehre in einem innovativen Start-up geben, mit dem man sich zum Entrepreneur bzw. Unternehmer ausbilden lassen kann. Wir arbeiten momentan an solch einem privaten Lehrgang.
  
Stichworte Business Angels und Investoren: Wie schaut die diesbezügliche Situation in Südtirol aus?
Die Tyrolean Business Angels, bei denen der regionale Fokus in der Europaregion Tirol liegt, sind mir in Südtirol bekannt. Deshalb sind Kapital und Know-how schon vertreten. Es geht aber mehr – es geht immer mehr. Wir verhandeln beispielsweise momentan mit Investoren aus dem Ausland.

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