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Dieser Artikel ist in der Ausgabe erschienen: Nr. 29/19  |  Freitag, 19. Juli 2019
Gesellschaft

Einer immer besser

Selbstoptimierung – Der Wunsch nach einem besseren Ich artet bei manchen Menschen aus. Dem Zwang zur Selbstoptimierung kann sich nur entziehen, wer weiß: Es gibt immer einen, der noch besser ist.

Robert Gernhardts Gedichte liebe ich, seit ich ein Kind bin. Die allermeisten bringen mich zum Lachen, manche finde ich lakonisch, andere wortkarg. Von allen kann ich etwas lernen, besonders aber von einem, das den Titel „Immer“ trägt. Gerade ist es mir wieder eingefallen, wie ich so nachdenke über den allgegenwärtigen Selbstoptimierungswahn. Eine ganze Industrie ist rund um das Gefühl entstanden, nicht gut genug zu sein. Das Perfektionsstreben bezieht sich längst nicht mehr nur auf Äußerlichkeiten, sondern auch auf unser Liebes- und Berufsleben, unsere Sport- und Essgewohnheiten und eigentlich auch alle anderen Bereiche unseres Alltags.
Es gibt allerdings einen Haken an der Sache: Egal, wie sehr wir uns anstrengen, besser zu werden, es wird nie ausreichen. Wer Gernhardts Gedicht kennt, weiß das. In einer Strophe schreibt er: „Du liest / Er lernt / Du lernst / Er forscht / Du forschst / Er findet: / Einer immer noch begabter.“
Bloß: Von Gernhardts Gedicht haben die meisten noch nie etwas gehört, zugleich prasseln aus allen Richtungen Mach-dich-besser-Botschaften auf uns ein. Und so laufen unzählige Menschen weiter der besten Version ihrer selbst hinterher, ohne zu wissen, dass sie zum Scheitern verurteilt sind.
Im Prinzip ist es ja nichts Verwerfliches, an sich zu arbeiten. Der eine oder andere übertreibt es aber. Wer meint, ein guter Freund zu sein, kann ein besserer werden. Ein sportlicher Mensch kann ein sportlicherer werden, ein liebevoller Vater ein liebevollerer, ein Low-Carb-Gericht ein low-carbigeres. Von morgens, wenn wir die Augen aufschlagen, bis abends, wenn wir sie wieder schließen, gibt es keine Sekunde, die nicht optimiert werden könnte.
Der Wecker klingelt um 5 Uhr nach sieben Stunden Schlaf. Perfekt. Raus aus den Federn, rein ins Trainings­outfit. Erst mal Sport, etwas für den Körper tun, denn your body is your temple. Perfekt. Die Fitnessuhr vibriert sanft am Handgelenk und protokolliert jede Bewegung. Perfekt. Nach einem ausgewogenen, gesunden Frühstück Zeit nehmen zum Lesen, um etwas Neues zu lernen. Perfekt. Zwischendrin auch mal was auf der Social-Media-Plattform des Vertrauens posten, damit auch ja jeder mitbekommt, wie erfolgreich man die Selbstoptimierung doch betreibt. Perfekt. Und so geht es den lieben langen Tag weiter.
Irgendwann gelangen die meisten an den Punkt, wo sie von alleine nicht mehr weiter können oder wollen. Die Werbung ist meisterhaft darin, ihnen in diesen Momenten Produkte anzubieten, mit denen der Fortschritt sicher klappt. Plan X bringt dich in zwei Wochen zum schönsten Sixpack, App Y zum jüngsten Millionär, Ausmalbuch Z zum ausgeglichensten Geist. Und wir? Geben brav unser Geld dafür aus, nur um nach kurzer Zeit festzustellen, dass es irgendwie doch nicht so recht klappen will mit … Ja, womit eigentlich?
Genau hier liegt der Hund begraben, denn es gibt keinen optimalen Zustand. Ein vermeintliches Optimum fühlt sich nur so lange gut an, bis wir sehen, was noch alles möglich ist. Ganz so wie Gernhardt es in seinem Gedicht beschreibt. Wer einen Gipfel erreicht, sieht den nächsten, höheren, ohne zu wissen, ob er von dort nicht noch einen imposanteren erblicken wird.
Was macht das mit uns? Manche geben schon auf, bevor sie überhaupt zum ersten Gipfel gelangen. Da wird ein Schrittzähler gekauft, wir sagen „Weißt du, ich werde mich jetzt mehr bewegen im Alltag“ zu unseren Freunden in Erwartung ihres Lobes und ihrer Zustimmung, nur um ihn nach kurzer Zeit wieder abzulegen, wenn die Schritte einfach nicht von alleine mehr werden. Da zieht ein Ratgeber ins Wohnzimmer „10 Secrets of Success“, der uns beruflich total erfolgreich machen soll, schnell aber ins überquellende Bücherregal umziehen muss zu den zig anderen Lebenshilfen, die viel versprachen und wenig brachten.
Die, die nicht gleich aufgeben, gelangen zum ersten Gipfel, zum zweiten, zum dritten, rastlos immer weiter. Je näher das vermeintliche Optimum, desto weiter weg das wahre Glück. Im Hier und Jetzt genießen kann keiner von ihnen. Dabei wäre es so einfach. Wenn sie nur wüssten. Einer immer besser.
Sabina Drescher
sabina@swz.it

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